„Jetzt ist die Zeit der Gnade …“ – Andacht von Pastor Achim Neubauer

Liebe Leserin, lieber Leser, manchmal ist es „zu spät“, dann ist der richtige Augenblick vertan. Es gibt keine Chance mehr, etwas wieder in Ordnung zu bringen. Wenn der Ernst der Lage nicht erkannt wird oder die Möglichkeiten, die eine bestimmte Situation bietet, nicht ergriffen werden, dann bestraft das Leben.

Das Schlimme ist, dass dieser Punkt meistens erst im Nachhinein erkannt wird. Es gibt diesen „point of no return“, den Punkt, von dem aus es keine Umkehr und keine Wiederkehr mehr gibt; den zu erleben, gehört zu den schlimmen Erfahrungen des Menschseins.

Zu viele Leute haben das schon erlebt. Am Ende ihrer Tage schauen sie dann enttäuscht und auch verbittert auf das Leben und die verpassten Möglichkeiten zurück.

Die Zeit, einander zu begegnen, um Verzeihung zu bitten, Gutes zu erzählen, für andere da zu sein, sich als treu zu erweisen, sich in der Krise zu bewähren, sich den anderen zu öffnen, zu besuchen, für die Kinder da zu sein, diese Zeit hat ihre Grenze.

„Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils“, schreibt der Apostel Paulus an die Christen in Korinth (2. Kor 6,2). Heute wird getan oder auch versäumt, was lebensrettend ist, was einem Menschen weiterhilft. Das Leben ist schön durch die Gnade Gottes. Paulus ist fest davon überzeugt, dass Gott mit dem Leben, Leiden und der Auferweckung von Jesus Christus ein für alle Mal seine vorbehaltlose Liebe und Freundschaft zu uns Menschen demonstriert und besiegelt hat. Nichts anderes bedeutet das Wort Gnade.

Dieser Liebe und Freundschaft gegenüber gilt es offen zu bleiben und entsprechend darauf zu reagieren. Das ist lebens-, das ist überlebenswichtig. Aber Gottes Gnade kann bei Christinnen und Christen ins Leere gehen, manchmal findet seine Liebe bei ihnen keinen Widerhall und keine Reaktion.

Natürlich sind Menschen oft gefangen in ihren Sorgen, in Gedanken und Verhaltensweisen, die ihnen selbst und anderen schaden. Es kann ja auch Angst machen, wenn apokalyptische Hungerkatastrophen, verheerende Naturereignisse und Kriege den Blick auf die Gnade Gottes verdunkeln. Das Leben hat mindestens zwei Seiten, findet statt zwischen Himmel und Hölle. Menschen können einander Engel, aber auch Teufel sein; sie vermögen Großartiges und sind zu Entsetzlichem fähig; Lust und Qual wohnen nahe beieinander. Christen bestreiten diese Realitäten nicht – und versuchen dennoch, mutig das Leben anzunehmen und es aktiv und hoffnungsvoll aus dem Glauben heraus zu gestalten.

Mitten im Alltag und am Sonntag, zwischen Trauer und Freude, zwischen guten Vorsätzen und neuem Scheitern gilt: „Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.“

Es bleibt die Anfrage, ob es tatsächlich möglich ist, zuversichtlich und fröhlich zu sein, wenn nicht nur „Hören und Sehen“, sondern auch die Hoffnung vergeht. Paulus ist sich sicher: Ihm ist durch Jesus Christus klar geworden, dass es Gott – trotz allem und manchmal sogar gegen den Augenschein – gut meint: Der Allmächtige wird alles zu seinem Ziel bringen.

Dieses Bekenntnis bedeutet freilich nicht, dass sich nun das Leben in reiner Glückseligkeit auflösen würde. Wenn aber das eigene Geschick mit allen offenen Fragen vertrauensvoll in Gottes Hände gelegt wird, dann in dem Wissen, dass alle Menschen einen Funken der göttlichen Ewigkeit in ihrem Herzen tragen.

Das macht nicht fleißiger oder schöner, nicht reicher noch klüger, das Leben nicht automatisch einfacher; es macht einfach nur – menschlicher. Weiter werden wir es in diesem Leben nicht bringen können, aber mit weniger müssen wir uns nicht zufrieden geben.

Jede Freude und jedes Freudemachen, jedes Erleben wirklicher Liebe, jedes wirkliche Verstehen mit und ohne Worte, jede Linderung von Not, jeder Zipfel von Sinn in einem Meer von Sinnlosigkeit ist stärkendes Zeichen für die Zukunft Gottes, die verheißen ist und jetzt schon begonnen hat: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade!“

Mögen Sie behütet bleiben unter Gottes Segen!

Ihr Achim Neubauer

(Diese Andacht erschien in Kark un Lüe III/2011)

Kommentare sind geschlossen.