Engagement und Kreativität prägen die Gemeindearbeit

Ein strahlender Sonntagmorgen im August in Aix-en-Provence, Südfrankreich. Fröhliche Stimmen schallen aus allen Richtungen, Bonjour!, Salut!, lachende Gesichter, Winken, Umarmung. Etwa 80 Menschen, jung und alt, strömen an diesem Sonntagmorgen in den Gottesdienst in die evangelische Kirche, 4, Rue Villars, 13100 Aix-en-Provence. Die Stimmung ist laut und ausgelassen. Zwar dürfen die Glocken nicht läuten – Glockengeläut bedeutet im laizistischen Frankreich, in dem Kirche und Staat streng getrennt sind, öffentliche Ruhestörung, und diese ist strafbar –, aber das tut der guten Stimmung keinen Abbruch. Der Sonntagsgottesdienst, ein Gemeindefest im Kleinen. 

Die Identifikation mit Martin Luther und den französischen Glaubenskämpfern der Reformation ist im Protestantismus in Frankreich groß. Nicht umsonst kommt ja Protestant von protestieren. Der Glaube an Gott wird selbstbewusst in der Öffentlichkeit vertreten, sei diese katholisch oder atheistisch. Wobei die Protestanten in Aix-en-Provence ebenfalls stolz darauf sind, überhaupt eine eigene Kirche in ihrem Besitz zu haben – in diesem Fall eine ehemalige Synagoge, die die jüdische Kultusgemeinde der Kirchengemeinde nach dem 2. Weltkrieg überließ, da die Protestanten Juden in ihre Häuser aufgenommen und ihnen so das Leben gerettet hatten. Nicht selten muss eine Kirchengemeinde in Frankreich ihren Gottesdienstraum anmieten. Ein Kirchengebäude zu unterhalten ist teuer. Dies zwingt zum Verkauf und die Kirchengemeinde wird zur Mieterin ihrer „eigenen“ Räume. Nach dem Gottesdienst muss die Kirche komplett geräumt werden: Gesangbücher, Altarschmuck, alles muss raus, ein neutraler Versammlungsraum.

Die Kirchengemeinde in Aix-en-Provence ist jung und leistungsstark. Und an diesem Sonntagmorgen soll die neue und erste Vikarin der Kirchengemeinde in ihren Dienst eingeführt werden. Ich habe das große Glück, diese Vikarin sein zu dürfen! Zwei Jahre verbringe ich in Frankreich, eines zur theologisch-praktischen Ausbildung an der Universität in Montpellier, eines in der Kirchengemeinde in Aix-en-Provence.

Kirche in der Diaspora

„Heute Morgen sind wir wegen der Sommerferien nur wenige“, sagt mir etwas verlegen mein Ausbilder, Pfarrer Gilles Pivot. „Wie viele Leute kommen denn sonst?“, frage ich zurück. „Etwa 120. Ihr seid in Deutschland, im ‚Land der Reformation’, sicher andere Zahlen gewöhnt. … Wir sind hier eine kleine Minderheitenkirche.“

Die Kirche in Aix-en-Provence ist die einzige in der Umgebung. Manche Gottes-dienstbesucher legen zwei Stunden im Auto zurück. Die Reformierte Kirche von Frankreich hat insgesamt 350.000 Mitglieder, die in 400 Gemeinden in acht Regionen organisiert sind. 400 Familien gehören zur Gemeinde in Aix-en-Provence, also etwa 1600 Gemeindeglieder, denen eine 100%-Pfarrstelle zugeordnet ist.

Pfarrer Gilles Pivot hält wieder eine mitreißende Predigt, über die Kraft des Glaubens aus der Reformation Martin Luthers. Um mir eine Freude zu machen, wie er mir später sagt, und zu würdigen, dass seine Vikarin eine Deutsche ist. Eine Lektorin und der Chor wirken im Gottesdienst mit. Nach 10 Minuten verabschiedet sich, angeleitet von Hélène, Christiane und Arlette, die ehrenamtlich auch das Gemeinde-kirchenbüro führen, die Kinderkirche. Die Kinder feiern jeden Sonntag Gottesdienst in den oberen Gemeinderäumen. Zum Segen kommen sie zurück zu den Erwachsenen und präsentieren stolz ihre kleinen selbstgebastelten Kunstwerke.

Vom Glauben begeistert werden

Alle Gottesdienste in Aix-en-Provence haben immer auch eine missionarische Aufgabe. Die Gemeindeglieder sollen für den Glauben begeistert werden und als Gemeinschaft aus Gottes Wort Kraft empfangen.

Am Ende des Gottesdienstes nun bittet mich Gilles Pivot aufzustehen und mich der Gemeinde vorzustellen. Ich bin in diesem Moment so überwältigt vor Freude und Glück, dass ich außer einem kurzen Merci pour votre accueil chaleureux, auf Deutsch: Danke für Euren herzlichen Empfang nicht viel über die Lippen kriege. Das macht allerdings auch nichts, denn der Pastor bittet sogleich die Kirchengemeinde, man möge doch die Vikarin zu sich nach Hause zum Essen einladen, wie es in der französisch-protestantischen Tradition üblich ist. Ich speise „wie Gott in Frankreich“ und viele Freundschaften erwachsen aus den Einladungen.

Spendenbasis statt Kirchensteuern

Die Kirchenmitgliedschaft beruht in Frankreich nicht auf der Zahlung von Kirchensteuern. Die Pfarrstelle wie das gesamte Gemeindeleben finanzieren sich ausschließlich aus Kollekten und Gemeindespenden. Über die zentrale Kirchenverwaltung in Paris werden die Gelder auf alle 400 Gemeinden umgelegt. Jeder Pastor bezieht dasselbe Gehalt, egal, wie reich oder arm seine Gemeinde ist. Das ist wichtig, um die innere Unabhängigkeit zwischen Pastor und Gemeinde zu wahren.

In der französischen reformierten Kirche trägt jeder einzelne Christ „seine“ Kirche und die Gemeinden organisieren sich weitgehend selbst. Die Ausstrahlungskraft wie auch die Handlungsmöglichkeiten einer Kirchengemeinde stehen und fallen so mit dem Engagement jedes einzelnen Mitgliedes. Ich habe in Frankreich viele Kirchengemeinden gesehen, die finanziell arm waren. Und ich habe sehr viele Christen kennen gelernt, deren Glaubenskraft, Kreativität und Lebensfreude Berge versetzen konnte. In Deutschland bieten Kirchensteuer und institutionelle Verwaltung den Gemeinden eine starke finanzielle und organisatorische Sicherheit.

Doch Sicherheit kann auch träge machen und neue Ideen eindämmen, anstatt sie sich entwickeln zu lassen. Das ist der schmale Grad, auf dem wir uns hier bewegen.

Das Vikariat in Frankreich prägt meine Arbeit als Pastorin bis heute. Es ist vor allem die Liebe zu meinem Beruf, die ich meinen Freunden in Aix-en-Provence verdanke.

Pastorin Dr. Tabea Rösler

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