Heiligabend – ein Tag wie jeder andere

„Hier in der Provence feiern wir gar nicht so richtig Weihnachten“, erklärt mir Pfarrer Gilles Pivot. Er betreut mich seit drei Monaten als Vikarin in der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde in Aix-en-Provence, Südfrankreich. „Hier wachsen keine Tannenbäume. Anders als in Deutschland gibt es keine französischen Weihnachtslieder. Und überhaupt ist das Wetter viel zu sonnig und warm hier. Weihnachten – ein Tag wie jeder andere.“

Ich nicke und versuche tapfer, meine Enttäuschung zu verbergen. Mein erstes französisches Weihnachten! Ich hatte mich so darauf gefreut! Mais bon (nun gut). Andere Länder, andere Sitten. … Der Dezember nimmt seinen Lauf. Mich beeindruckt die französische Tradition, den Adventskranz nicht schon vor Gottesdienstbeginn, sondern das Licht erst im Moment der Evangeliumslesung anzuzünden. Die reformierte Tradition kennt keinen Kirchenschmuck und keine Dekoration, auch nicht in der Adventszeit. Doch wenn das Evangelium erklingt, ist Jesus Christus gegenwärtig. Er ist das Licht. Sichtbar und spürbar.

Weihnachten – ein Tag wie jeder andere. Und doch ist irgendetwas anders. Hin und wieder sehe ich Hélène, Christiane und Arlette, die Küsterinnen, aufgeregt miteinander tuscheln. Und Thierry, der Chorleiter, läuft mit geheimnisvoller Miene umher. Eine Woche vor Heiligabend erwische ich Gilles Pivot und Jean-Pierre, ein Informatiklehrer, der mit mir den Konfirmandenunterricht gibt, dabei, dass sie das Foyer der Kirche ausräumen. Wobei sie mir versichern, dass diese lästigen Aufräumarbeiten schon lange anstünden. Rien d’important (nichts Wichtiges), reine Routineaufgaben.

Der Weihnachtsmarkt

Ab und zu besuche ich den kleinen Weihnachtsmarkt neben der Rotonde, dem riesigen Springbrunnen auf der Place Jeanne d’Arc, unweit der Kirche. Der Freundeskreis Tübingen baut den Markt dort auf wegen der Städtepartnerschaft zu Aix-en-Provence. Immerhin gibt es Glühwein und Weihnachtsberliner. In der Mitte steht ein riesiger Tisch mit Krippenfiguren. Um den drängen sich die Marktbesucher. Der Krippenfigurenverkäufer – ein alter Mann, der so stark das Provençal spricht, wovon sich die Hälfte noch in seinem riesigen Bart verliert, dass ich ihn praktisch nicht verstehe – kommt mit dem Kassieren kaum hinterher.

Warum denn die Franzosen wie verrückt diese Plastikfiguren kaufen, frage ich bei der Dienstbesprechung. „Plastique?!!?“ Fünf entsetzte Augenpaare richten sich auf mich. Die Sekunden verstreichen wie eine halbe Ewigkeit. Bis Gilles Pivot das Schweigen bricht und herzlich an zu lachen fängt. „Das sind doch die Santons. Aus Ton gefertigte und handbemalte Krippenfiguren. Eine uralte Tradition der Provence.“ Die Santons sind ganz besondere Krippenfiguren. Anders als bei der typisch deutschen „Kleinfamilienkrippe“ besuchen hier alle traditionellen Handwerksberufe das Jesuskind. Das ganze Dorf – der Bäckerjunge mit seinem Baguette, das rotbackige Mädchen von der Schmiede, der Tuchweber, die Marktfrau mit ihrem Korb voll Provencegemüse, dazu Hunde, Katzen, Hühner und Enten – setzt sich in Bewegung und verkündigt die Frohe Botschaft Gottes.

Die Überraschung

Der Heiligabend rückt näher. Ich rechne mit keinen weiteren Überraschungen. Weihnachten ist ja ein Tag wie jeder andere. Am 24. will ich morgens noch mal schnell in die Kirche. Es herrscht unerwarteter Betrieb. Gemeinsam mit Luc und Bernard vom Gemeindekirchenrat wuchten Jean-Pierre, Hélène, Christiane und Arlette im Foyer eine riesige Tanne in einen Ständer. Jean-Pierre, in schwindelerregender Höhe auf einer Leiter stehend, versucht den Baum von der Luft aus zu richten. Luc hält die Leiter und gibt mit einem kräftigen Et encore (weiter, weiter!) das Kommando an, während die anderen quasi in die Tanne gekrochen sind, um sie zur Wand zu drücken. Ich stehe im Foyer und staune, als hätte ich noch nie einen Weihnachtsbaum gesehen. Obwohl offensichtlich ist, dass ich gerade mitten in eine Überraschungsaktion hineingeplatzt bin, bricht riesige Freude im Weihnachtsbaumteam aus. „Joyeux Noël (Frohe Weihnachten)“, rufen sie. „Wir haben den Baum aus den Alpen kommen lassen. Und haben sogar Kerzen und Lametta.“

Der Heilige Abend 

Der Weihnachtsgottesdienst beginnt. Die Gemeinde bestaunt den Weihnachtsbaum, so etwas gab es ja noch nie. Der Chor unter der Leitung von Thierry tritt auf. Ich traue kaum meinen Ohren, als ich vertraute Lieder wie „Oh du fröhliche“ und „Alle Jahre wieder“ höre. Zwar klingt der Text eher französisch als irgendwie deutsch. Doch die Sänger tragen ihn mit so viel Hingabe vor, dass mir die Tränen kommen. Vor dem Altar steht eine Weihnachtskrippe. Natürlich mit den Santons. Gilles Pivot holt mich nach vorne und überreicht mir eine Figur: Le berger, den Hirten, „da Du ja Pastorin (d.h. Hirte) werden möchtest.“ Der Gottesdienst ist zu Ende und das ganze Foyer duftet schon nach Glühwein. Hélène, Christiane und Arlette schenken ihn aus riesigen Töpfen aus. Original aus Tübingen, versteht sich.

Im Anschluss bin ich bei Familie Legrand zum Abendessen eingeladen. „In der Provence gibt es an Heiligabend nur ein einfaches Essen“, erklärt mir die Mutter. Ich schmunzle. Soll ich das wirklich noch glauben? Ich erinnere mich nicht mehr genau, was wir an diesem Abend alles gegessen haben. Doch das Abendessen dauert einige Stunden und umfasst mehrere Gänge, von denen einer köstlicher ist als der andere. Der Abend endet mit einer besonderen Überraschung, dem Nachtisch, genauer gesagt: den sog. 13 Nachtischen aus der Provence. Familie Legrand hat sie auf einem extra Tisch wie zu einem Stillleben drapiert. Frisches und getrocknetes Obst, Weintrauben, Feigen, Nüsse, Mandeln, dunkler und heller Nougat, Marmeladen und die sog. Pompe, ein kunstvoll geformtes Hefeteiggebäck. Die 13 Nachtische knüpfen an die Tradition der Santons an. Sie bilden ab, was die Ernte des Jahres für das alltägliche Leben einbringt, wodurch sich der Ausdruck „einfaches Essen“ erklärt.

Auf der Terrasse koste ich den Pastis aus dem erlesenen Weinkeller der Familie. Sogar die Nachtluft ist noch sonnendurchtränkt. Weihnachten – ein Tag wie jeder andere. Und doch erlebte ich Dinge wie Weihnachtsbaum und Gesang, Glühwein, Obst und Nüsse, die für mich bislang selbstverständlich waren, ganz neu. Es war ein besonderes Fest!

Pastorin Tabea Rösler

 

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