Notfallseelsorge: Ein Bericht aus der Praxis

Notfallseelsorge

Der Gemeindebrief „Kark und Lüe“ vom März 2014 steht unter dem Schwerpunktthema „Beruf: Pfarrer“. Wir beleuchten verschiedene Facetten der beruflichen Tätigkeit von Pastorinnen und Pastoren. In diesem Artikel von Pastor Achim Neubauer geht es um die Notfallseelsorge. 

Donnerstag, später Vormittag. Gerade komme ich von einer Beerdigung zurück, ein Geburtstagsbesuch steht noch in meinem Kalender und dann fängt auch fast schon der Konfirmandenunterricht an; aber dafür ist alles schon vorbereitet.

Der Telefonanruf ruft mich aus dem durchdachten und geplanten Tagesablauf: „Leitstelle Oldenburg! Moin Achim, der Rettungsdienst ist alarmiert zu einem Todesfall in der … Str.! Vermutlich vollendeter Suizid! Der Arzt fragt nach einem Notfallseelsorger für die Angehörigen. Kannst Du da bitte hinfahren?“ 

Für mein Verständnis vom Beruf eines Pastors ist das keine Frage. Natürlich werde ich mich auf den Weg machen. Seelsorger sollen da begleiten, wo Menschen in Not sind. Nicht allein Freude, sondern eben auch Schmerz und tiefe Verzweiflung auszuhalten. Da zu sein, wenn nach Halt gefragt wird; dafür bin ich Pastor geworden.

Ich schaue auf die Uhr, werde mir bewusst, wie viel Zeit ich nehmen kann, fahre so schnell wie möglich los und versuche dennoch – wenigstens innerlich – Ruhe zu bewahren. Ob das Geburtstagskind Verständnis haben wird, dass ich zum Ehrentag nicht anwesend sein kann?

Es sind – bei uns in Edewecht und im Ammerland – meistens nicht die großen Einsätze mit Feuerwehr und Polizei, die die Einsätze der Notfallseelsorge bestimmen, sondern die Katastrophen, die im häuslichen Bereich sich ereignen. Plötzlicher Herztod, Suizid und die Überbringung von Todesnachrichten gehören zu den Aufgaben, die am häufigsten die Notfallseelsorger beschäftigen.

Angekommen, versuche ich mir einen kurzen Überblick zu verschaffen. Der Rettungsassistent und ich kennen uns: Er ist auch Johanniter. Es braucht nicht viele Worte. Wir beide wissen, was jetzt wesentlich ist; er gibt mir konzentriert die Informationen, die ich brauche.

Zu den Besonderheiten der Arbeit eines Notfallseelsorgers auf dem Lande gehört es sicherlich, dass wir einander vertraut sind. Das bringt Sicherheit, wenn sich diejenigen kennen, die in Ausnahmesituationen zusammenarbeiten. Wir müssen uns nicht neu orientieren in unbekanntem Terrain, sondern können uns auf das Wesentliche fokussieren, nicht zuletzt, weil gegenseitig schon lange Fähigkeiten und auch Unsicherheiten geklärt sind.

Ich gehe ins Haus zu den Angehörigen; sie kennen mich: „Ich habe Zeit für Sie!“ viel mehr will ich zur Begrüßung gar nicht sagen. Die Seele ist durcheinander geraten, da braucht es Ruhe, dass das Unvorstellbare fassbar werden kann. Gemeinsam versuchen wir das Schweigen auszuhalten, es werden Fragen gestellt, von denen wir zusammen wissen, dass die keine Antwort erhalten werden. Alles ist so anders geworden – von jetzt auf gleich; das gilt es zu ertragen.

Notfallseelsorge besteht – so habe ich dieses Arbeitsfeld bisher erlebt und gestaltet – nicht aus vielen Worten. Wesentlich ist, dass jemand da ist, aufmerksam auf die Angehörigen bzw. mit betroffenen Personen achtet, Rituale gestaltet, wie z.B. Aussegnungen und mit hilft das soziale Umfeld zu aktivieren, weil die Unterstützung durch Notfallseelsorger eben auch ihre zeitliche Begrenzung erfährt; sie ist „Erste Hilfe für die Seele“; nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Die Töchter des Verstorbenen haben wir erreicht; die eine wohnt im Westfälischen, die andere in Oldenburg und wird zu uns kommen. Ich bleibe vor Ort, bis die Tochter da ist; sie nimmt ihre Mutter in den Arm. Zusammen beginnen sie zu verstehen und miteinander lassen sie ihren Tränen freien Lauf.

Gerade in Ausnahmesituationen fragen Menschen nach dem, was bisher im Leben Halt gegeben hat. Das sind die Verwandten, Freunde und Nachbarn, die bislang schon das Zusammenleben gestaltet haben; ihnen wird zugetraut, dass die dauerhaft begleiten können um gemeinsam die schwere Zeit des Abschieds zu ertragen.

Ich verabschiede mich. Es ist fast halb drei geworden; auf dem Rückweg halte ich an, stehe minutenlang auf einem Weg neben der Bundesstraße, gehe ein paar Schritte; runter kommen, durchatmen, ich fahre weiter – und als ich beim „Haus der offenen Tür“ ankomme, stehen da schon meine Konfirmanden und Lena und Patrick winken mir freundlich zu.

(Pastor Achim Neubauer)

 

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