„Suchet der Stadt Bestes“ – Andacht von Pastor Thomas Feld

Portrait-Feld-DW„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist!“ – so befreit sich Jesus aus der Verstrickung in eine politische Debatte seiner Zeit, in die ihn seine Gegner hineinzuziehen versuchten. Religion nicht mit Politik zu vermischen, sich als gläubiger Mensch aus der Politik herauszuhalten, das ist eine Konsequenz, die manche Christen später aus Jesu Position zogen.

Schwierig wird diese Haltung, wenn der Staat selbst in die Verfolgung von Christen eintritt und ihnen den Schutz versagt. Ein Schutz, von dem Paulus für seine Zeit als römischer Bürger noch ausgehen konnte, wenn er seine Mitchristinnen dazu auffordert, der Obrigkeit Untertan zu sein. Und schwierig wird die Haltung politischer Abstinenz, wenn Christen selbst in die politische Verantwortung und zur Mitgestaltung des politischen Raums gerufen werden.

So finden wir in der gesamten Kirchengeschichte Christinnen und Christen, die sich in Widerstand oder verantwortlicher Mitgestaltung in den Raum des Politischen eingebracht haben. Erinnert sei an Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Helmut Gollwitzer, Dorothee Sölle, Nelson Mandela oder an der Wiege zum modernen Sozialstaat Johann Hinrich Wichern oder Friedrich von Bodelschwingh. Auch an viele aus christlicher Überzeugung heraus handelnde Politiker in der Bundesrepublik wie Johannes Rau, Heinrich Albertz oder unseren Bundespräsidenten Joachim Gauck sei erinnert. So ist die gegenwärtige Gestalt unserer Gesellschaft vom Grundgesetzt bis hin zu einzelnen Formulierungen unserer Sozialgesetzgebung zutiefst von christlicher Mitwirkung und christlichem Engagement geprägt.

Dass christliche Mitwirkung dabei nicht immer ohne Konflikte und Auseinandersetzungen geschieht, liegt in der Natur der Sache. Politik beschreibt den Raum,
in dem Menschen durch gemeinsames Handeln die konkrete Gestalt ihres Zusammenlebens bestimmen. In demokratischen Gesellschaften geschieht dies durch Debatten, Diskussionen, politische Meinungs- und Willensbildung.

In diese Gestaltung des politischen Raumes können, dürfen und müssen sich auch Christinnen und Christen einbringen. Sie tun dies vor dem Hintergrund christlicher Ethik, dem Gebot der Nächstenliebe und eines Begriffs von Gerechtigkeit, nach dem es gerecht nur da zugeht, wo auch der Arme nicht in Not gerät. Sie tun dies im Vertrauen, dass Gottes Geist auch im politischen Raum zu finden ist. Dabei wissen auch Christen nicht von vornherein, was richtig ist. Sie verfügen über keine Moral und vorgängige Richtigkeiten, gerade Christen müssen sich dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments, der Überzeugung durch gute Gründe und Korrektur durch Erfahrung stellen. So werden Christinnen und Christen auch in der nahen Zukunft gefordert sein, wenn es um die Frage geht, wie unsere Gesellschaft mit dem Leid der Flüchtlinge und den Ansprüchen der Asylbewerber umgehen soll; so werden Christinnen und Christen gefragt sein, wenn es um die Frage des Zusammenlebens in einer Gesellschaft geht, in der mehr alte und weniger junge Menschen leben; und so werden Christinnen und Christen gefordert sein, wenn sie selbst in unserer Gesellschaft nicht mehr die Mehrheit stellen, sondern sich den gesellschaftlichen und politischen Raum mit Menschen ohne und anderem Glauben teilen. „Suchet der Stadt Bestes!“ – so fordert der Prophet Jeremias seine ins Exil verschleppten Landsleute auf – wie viel mehr werden Christinnen und Christen heute das Wohl ihrer Städte und Gemeinden suchen.

Herzlich grüßt
Pfr. Thomas Feld, Theologischer Vorstand
des Diakonischen Werks der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg

(Diese Andacht erschien in Kark un Lüe II / 2015)

Kommentare sind geschlossen.