Christen in der Politik – Ratsherr Jörg Brunßen

Portrait-BrunssenWelche Rolle spielt Ihr christlicher Glaube in Ihrem Alltag als Politiker?
Ich sehe mich eigentlich nicht als Politiker. Es ist eher ein Ehrenamt nach meiner eigentlichen Arbeit. Der Glaube spielt somit bei mir immer eine Rolle. Glaube ist für mich keine „Sache“ für den Sonntagmorgen oder kurz vor dem Schlafengehen. Als ehrenamtlicher Politiker ist der Glaube für mich in erster Linie eine Art „Anleitung“ für den Umgang mit meinen Mitmenschen. Der Glaube ist sicherlich auch meine Motivation, warum ich noch nach meinem Feierabend ins Rathaus fahre und „Politik“ mache.
Gibt es „christliche Politik“? Welche Rolle hat Ihr christlicher Glaube bei der Entscheidung für die Politik bei Ihnen gespielt?
Die Frage kann ein Politiker im Bundestag besser beantworten, weil wir im Gemeinderat oder Kreistag keine Gewissensentscheidungen treffen müssen. Wir entscheiden im Rat oder Kreistag nicht über Kriegseinsätze, nicht über das Klonen von Stammzellen, nicht über Sterbehilfe usw. Manchmal bin ich ganz froh darüber, nicht über solche Dinge abstimmen zu müssen. In meiner Kirche habe ich echte Mitarbeit richtig kennengelernt. Erst Kindergottesdienst und dann Leiter einer Jugendgruppe. Danach bin ich angesprochen worden, ob ich nicht Lust hätte, mich politisch zu engagieren. In der damaligen Jungen Union waren auch andere Christen und so bin ich in die Politik gekommen.
Politiker/innen sind auch nur Spiegelbilder der Gesellschaft, sagen die einen. Politiker/innen müssen Vorbilder sein, sagen die anderen. Liegt die Wahrheit in der Mitte? Was müsste denn ein Politiker neben seinen fachlichen an persönlichen Voraussetzungen Ihrer Meinung nach mitbringen?
Die Wahrheit liegt wohl wirklich in der Mitte. Aber jeder Politiker, auch in der Kommunalpolitik, sollte sich wenigstens seiner Vorbildfunktion bewusst sein, weil
er in der Öffentlichkeit steht. Etwas Geduld, Stehvermögen und ein etwas dickeres Fell zu haben ist sicherlich vorteilhaft. Mir fällt es heute immer noch sehr schwer,
wenn Beschlüsse, Maßnahmen und Entscheidungen im Gemeinderat oder im Kreistag manchmal erst nach Wochen oder Monaten getroffen werden können.
Es ist aber immer wieder ein schönes Gefühl, wenn man aktiv an Veränderungen und Verbesserungen mitarbeiten konnte.
Wo kann es Ihrer Meinung nach für Christen in der Politik zu Gewissenskonflikten kommen und wie gehen Sie persönlich damit um?
Ich musste wie gesagt noch nie eine Gewissensentscheidung treffen. Ich kenne aber viele Bundespolitiker, die schwere Entscheidungen treffen mussten. Ich kenne einige, die haben dafür gebetet oder mit anderen Christen darüber gesprochen. Es ist auch gut, dass es bei Gewissensentscheidungen im Bundestag keinen  Fraktionszwang gibt und jeder Abgeordnete frei entscheiden kann.
Ist „Politiker“ für Sie ein Beruf wie jeder andere und warum (nicht)?
Ich bin kein Berufspolitiker sondern bin Feierabendpolitiker. Aber der Beruf des Politikers ist sicherlich kein Beruf wie jeder anderer. Jeder Schritt wird von den Medien also der Öffentlichkeit ganz genau verfolgt. Dies ist sicherlich richtig und wichtig, kann aber für manch einen Politiker eine schwere Last sein.
Wird das kirchliche Ehrenamt von Staat und Gesellschaft Ihrer Meinung nach ausreichend gewürdigt und warum (nicht)? Wenn nicht, was ist zu tun?
Ich setze mich seit Jahren dafür ein, dass ehrenamtliche Tätigkeiten in der Kirche, im Verein oder in anderen Einrichtungen mehr gewürdigt werden. Es gibt viele
Möglichkeiten: In der Steuererklärung sollte es mehr berücksichtigt werden können oder bei Eintrittsgeldern und Gebühren in öffentlichen Einrichtungen.
Ganz entscheidend und viel wichtiger ist die Würdigung im Allgemeinen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass immer noch der größte Teil der Gesellschaft (auch
in Edewecht) weiß und honoriert, was Ehrenamtliche täglich leisten. Vielleicht sollten wir dies alle regelmäßig auch laut sagen und nicht den „Nörglern“ das Wort
überlassen. Ich höre sehr häufig: Warum machst Du das eigentlich? Ich kann doch sowieso nichts ändern! Hat doch alles keinen Sinn und Zweck.
Ein schönes Zitat als Antwort: Martin Luther soll gesagt haben: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen
pflanzen“

Kommentare sind geschlossen.