„Lobe den Herrn, meine Seele …“ – Andacht von Pastor Stephan Bohlen

Portrait-Bohlen„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ – Ein Blick in den Psalm öffnet die Augen für das, wofür es sich zu danken lohnt: Vergebung, Gesundheit, Bewahrung, Güte und Barmherzigkeit, Geborgenheit in der Liebe Gottes. Mit wunderbaren Worten entfaltet der Psalmbeter diesen Katalog gelingenden und damit wohl auch glücklichen Lebens.
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ – Ein wunderbares Lied, dessen Gesangbuchform viele in ihrer Konfirmandenzeit haben auswendig lernen dürfen: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren…“, dichtete Joachim Neander 1680 und seitdem gehören diese Verse zum Grundbestand nicht nur der evangelischer Christen.

Jetzt – im beginnenden Herbst – ist Erntezeit. Die Scheunen und Speicher füllen sich mit den Erträgen des Jahres. Menschliches Tun und göttlicher Segen kommen darin zusammen. Das gilt nicht nur für die landwirtschaftlichen Produkte oder das, was wir in unseren Gärten ernten, sondern auch generell für unser Leben. Herbst, das ist so vielleicht auch eine Zeit, in der wir unsere persönliche Bilanz aufmachen: Was ist gelungen? Was ist aus dem Ruder gelaufen? Wofür kann ich danken?

Schauen wir unser Leben an, dann sehen wir Licht und Schatten. Beides gehört zusammen. Und das eine gibt es wohl nur mit dem anderen gemeinsam – in Kontrast und Abgrenzung. Und beides ist auch in mir. Zu mir gehört Helles, aber auch Dunkles. Das scheint der, der die Worte dieses Psalms für sich entdeckt hat, auch so empfunden zu haben. Denn immer wieder staunt er in seinem Lied der Dankbarkeit über die Güte und Großherzigkeit Gottes, der diese Schatten von uns nimmt, voller Liebe und Barmherzigkeit: So hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.

Wo wir erkennen, dass wir immer aus dieser Vergebung heraus leben, möge uns das helfen, selber auch anderen vergeben zu können. Bis dahin ist es aber ein weiter und auch ein steiniger Weg. Nicht einfach zu gehen. Nicht ohne Gefahr. Nicht ohne Schmerzen zu bewältigen. Ein erster Schritt mag sein, sich selbst und das eigene Leben – das Licht und die Dunkelheiten darin – im Spiegel dieses Psalms anzuschauen. Wo ich es vermag, den eigenen Schatten anzusehen und dazu zu stehen, da mag in mir die Bereitschaft wachsen, auch den Schatten beim anderen zu tolerieren. Dazu aber braucht es Liebe und Nähe – sichere Geborgenheit. Die Begegnungen, die Jesus immer wieder mit Menschen auf dem Weg hatte, zeigen, wie das gehen kann: In seiner Nähe fühlen sich die Menschen angenommen und geborgen. Aus dieser Sicherheit heraus geschehen die Wunder der Liebe: Der wie blind war, kann neu sehen; der wie taub war, vermag neu zu hören, und der keine Kraft mehr hatte für seinen Lebensweg tat neu Schritte hinein in den Alltag. Ja, selbst, wer wie tot war für das Leben, nahm neu am Gespräch des Lebens teil.

Ich bin mir sicher, dass auch wir solche „Wunder der Liebe“ kennen. Aus dem eigenen Leben oder dem Leben in den Nachbarschaften: Aufbrüche, wo zuvor alles festgefahren schien; neue Wege, wo bis gestern nur Sackgassen zu finden waren; Möglichkeiten, miteinander umzugehen und auszukommen, wo eben noch tiefe Gräben waren. Das braucht Zeit und Geduld. Und manchmal wird da nicht mit dem Spaten geschaufelt, sondern mit dem Teelöffel. Aber auch das kleine bißchen wird am Ende eine Brücke bilden.

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ – Der Psalmbeter lenkt den Blick auf das Gute und Schöne, das Helle. Er will uns die Augen öffnen für das Glück. Mit meinen Schatten bin ich von Gott angenommen und akzeptiert. Das gibt mir die Kraft, mich meinen Schattenseiten zu stellen, denn ich brauche nicht zu bleiben, was ich bin. Ich darf wachsen. Darf auch über meinen Schatten springen und ihn ein Stück weit hinter mir lassen. So wie ich das auch meinem Gegenüber zubillige. Das Licht der Liebe Gottes, in dem wir immer gemeinsam stehen, macht das möglich. Und Energie, Kraft und Mut kann nur daher kommen: Aus der Liebe und dem Vertrauen, ein geliebter und bejahter Mensch zu sin!

Das wünsche ich uns, dass wir dankbar und voller Energie unserer Wege gehen können. Miteinander, nebeneinander und vielleicht auch aufeinander zu.
Wer weiß?

Es grüßt Sie herzlich,
Ihr Pastor Stephan Bohlen

(Diese Andacht erschien in Kark un Lüe III / 2015)

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