„Dient einander – jeder mit der Gabe, die er erhalten hat…!“ – Andacht von Pastor Stephan Bohlen

Portrait-BohlenDient einander – jeder mit der Gabe, die er erhalten hat.
So erweist ihr euch als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes.
(1. Petr 4,10 – Basis-Bibel)

Liebe Leserin und lieber Leser,
eben haben wir Pfingsten gefeiert. Pfingsten ist das – vielleicht – schönste Fest unserer Kirche! Denn hier geht es um Gott für mich und dich. Ganz nah und ganz körperlich. Das mag überraschen, ist das Pfingstfest doch das Fest des Heiligen Geistes. Und das klingt gleich doppelt nach Unnahbarkeit (Heilig) und Unfassbarkeit (Geist). Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Der Heilige Geist ist Gott in uns, mit uns, für uns – ja sogar: Gott durch uns!

Gottes Geist ist die schöpferische Kraft, die Kreativität, die Gott innewohnt. Schon auf den ersten Seiten der Bibel ist von ihr zu lesen, wie „sie“ – der Geist ist im Hebräischen wie im Griechischen übrigens weiblich – bei der Schöpfung mit dabei ist.
Und blättern wir weiter, dann ist zu lesen von Bauhandwerkern und ihren besonderen Fertigkeiten – und dass der Geist Ihnen diese gegeben hat. Ob Stiftshütte oder Tempel – die Fähigkeit zum Bau solcher Schönheit ist Gottes gute Gabe durch den Geist.
Der Geist ist es, der die Propheten reden lässt. Und davon, dass Gott seinen Geist ausgießen wird auf alle Menschen, träumt mancher von ihnen. Einer ist Joël, dessen Verheißung an Pfingsten verlesen wird.
Im Neuen Testament liegt der Geist auf Jesus. Die Taufgeschichten erzählen, wie der Geist wie eine Taube auf ihn herabkommt. Und weil der Geist auf ihm liegt, ist er Gottes Sohn. Was er sagt und tut, ist Wirkung des Geistes.
Im Johannesevangelium ist es nun Jesus, der uns seinen Geist verheißt. Er verspricht, dass, wenn er geht, der Tröster kommen wird. Durch ihn wird er selbst bei uns sein.
Der Heilige Geist: das ist Gott für uns, in uns, mit uns, durch uns.
Pfingsten feiern wir also – in einer Welt der Geistvergessenheit – das Fest der Gottesgegenwart!
Das Bibelwort aus dem 1. Petrusbrief lädt uns ein, Gottes Geist in unserem Alltag zu entdecken: Jede und jeder von uns hat von Gott eine besondere Gabe erhalten. Das ist das Erste. Gott beschenkt uns! Diese Geistesgaben sind die Fähigkeiten und Fertigkeiten, mit denen wir besonders begabt sind. Das können handwerkliche Dinge sein, aber auch geistige (z.B. gut rechnen können, ein Verständnis für Physik und Elektronik zu haben, sich leicht fremde Sprachen anzueignen und zu sprechen, den andern zu verstehen, sich gut mitteilen zu können, zuzuhören und zu trösten, Späße zu machen und andere zum Lachen zu bringen, singen und musizieren zu können, und und und) – und natürlich auch geistliche.
Eine Gabe ist immer auch eine Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entdecken und weiter zu entwickeln. Bequemlichkeit oder gar Faulheit ist keine Gabe Gottes, eher im Gegenteil. Fördern und Fordern ist hier gefragt. Das ist das Zweite: ein guter Verwalter zu sein und das Anvertraute zu mehren.
Das Dritte ist, dem Mitmenschen mit dem, was in uns steckt, ein Mitmensch zu sein. Unsere Begabungen haben wir nicht nur, damit wir selber Freude daran haben, sondern vor allem deshalb, um dem Anderen damit zu dienen.
Über Pfingsten haben wir in der Gemeinde Besuch aus Namibia gehabt. Der Chor Thlokomela war zu Gast. Die jungen Menschen aus Windhoek hatten die Gabe des Gesangs und der Musik empfangen. Die Freude, die ihnen das Singen , Tanzen und Musizieren macht, war ihnen abzuspüren. Sie haben ihre Zuhörer be-Geist-ert. Genau darum geht es beim Umgang mit den Geistesgaben, dass der Geist überspringt, das Pfingsten wirklich wird. Mitten in unserem Alltag.
Vielleicht laden uns die zunehmend schöner werdenden Tage ein, die Gaben und Begabungen in uns zu entdecken. Be-Geist-erung muss sich nicht so rhythmisch und bewegt vollziehen wie bei einem Chor aus dem südwestlichen Afrika. Es kann auch im Stillen geschehen. Mitunter erst im Nachhinein erkennbar. Als stilles, leises Säuseln. Da, wo uns Hilfe, Mitmenschlichkeit, Nähe, Verständnis und Wärme widerfährt, haben wir es mit Gottes Geist zu tun. Da geschieht Gott durch uns – in der Begegnung mit dem anderen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nicht nur an diesen beiden besonderen Tagen, die wir eben noch gefeiert haben: Frohe Pfingsten!

Ihr Pastor
Stephan Bohlen

(Diese Andacht erschien in Kark un Lüe II / 2016)

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