„Mach‘ in mir deinem Geiste Raum …“ – Andacht von Pastor Achim Neubauer

Portrait-Neubauer„Mach‘ in mir deinem Geiste Raum, dass ich Dir werd‘ ein guter Baum.“ (Evangelisches Gesangbuch 503,12)

Liebe Leserin und lieber Leser,
Sie steht immer noch mitten auf der Wiese; die stattliche, alte Eiche. Tief, ganz tief in die Erde reicht ihr Wurzelpfahl. So lang, dass er auch im trockenen Sommer genug Wasser aufnehmen kann. So fest dass der Baum schon manchem starken Sturm hatte widerstehen können.

Bis vor kurzem stand auf der anderen Seite des Baches eine Plantage mit Apfelbäumen. Die jungen Gewächse hatten die Eiche verspottet und sich lustig gemacht: „Du alter Kerl, was stehst du da so nutzlos herum? Unsere Äpfel machen den Menschen Freude, doch deine kümmerlichen Eicheln, die will doch niemand haben. Höchstens zum Basteln!“ So ging das Tag um Tag …

Zuerst hatte der alte Baum das einfach so hingenommen und gedacht: „Ja, ja, die Jugend!“; aber schließlich wurde es ihm dann doch zu dumm und dann sagte er den vorlauten Apfelbäumen mal richtig seine Meinung: „Warum müsst ihr euch eigentlich von Holzpfählen stützen lassen? Habt ihr denn nicht genug Wurzeln?“ stichelte er, und: „Könnt ihr denn nicht selbst euer Wasser aus der Erde holen? Warum muss denn der Besitzer kommen und euch tränken?“ Aber die jungen Bäume riefen: „Das verstehst du nicht, alte Eiche! Wir sind eben wichtig; wir müssen gut gepflegt werden!“

Die alte Eiche konnte sich sehr gut an diese Auseinandersetzung erinnern. Doch dann jagte eine Veränderung die nächste. Erst starb der Eigentümer der Plantage, dann fiel der Sommer sehr trocken aus und etliche der jungen Bäume verkümmerten. Ihre Wurzeln reichten nicht zum Grundwasser und als dann auch noch die Herbststürme kamen, wurden viele der Apfelbäume entwurzelt, die Plantage aufgegeben und der Rest der Obstbäume umgehauen; nur die alte Eiche, die steht
immer noch mitten auf der Wiese.

So ein Baum wächst doppelt: In die Höhe, dem Licht entgegen, und in die Tiefe, damit die Wurzeln Wasser bekommen – auch in Zeiten der Dürre. Sobald er nicht mehr wächst, stirbt der Baum ab. Mit seinen Wurzeln fndet er Nahrung, um zu überleben, und Halt, um den Stürmen zu widerstehen. Er braucht das Licht der Sonne, um die Energie aus seiner Nahrung umzusetzen. Unermüdlich wächst er der Sonne entgegen.

Den ganzen Sommer über war die Zeit, in der immer wieder der Choral „Geh aus mein Herz und suche Freud“ gesungen wurde. Ein wunderschönes Sommerlied in dem Paul Gerhardt 1653 den Wunsch formulierte: „Mach‘ in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd‘ ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben.“ Gott hat seinem Geist Raum gemacht – auch bei uns – und er macht es immer wieder! Sicher: Kaum ein Mensch wird an jedem Tag daran denken, dass mit der Taufe bei allen Christen der Grund bereitet wurde für ein Leben unter Gottes Segen. Wasser, Geist und Wort, dass die Pflanze des Glaubens wachsen kann. Nicht immer ist sie sichtbar, sie will gepflegt werden.

Beim Baum sind Wind und Wetter notwendig, damit er feste Wurzeln ausbildet. Der Glaube braucht Bewährung, um Halt in der Tiefe zu suchen und zu fnden. Das sind die Lebenssituationen, auf die jeder Mensch liebend gerne verzichten möchte, die manchmal aber auch die Quelle neuer Kraft werden können. Glaube braucht auch ein Ziel: Wie der Baum wächst er dem Licht der Sonne entgegen. Dieses Licht des Glaubens aber ist Christus selbst.

So kann der Glaube doppelt wachsen: In die Tiefe und in die Höhe zugleich! Er bedarf der Besinnung durch den Geist Gottes und der Ausrichtung auf sein Ziel, das neue Leben mit Christus.

Auch wenn bisweilen Wolken das Licht der Sonne verdecken, wächst der Baum ihr entgegen. Auch wenn manchmal dunkle Wolken den Blick für das Kommende trüben wollen, hofft der Glaube dennoch auf Gottes neue Welt und neues Leben. Immer wieder gibt es ja auch Lücken in der Wolkendecke, die die Sonne sehen lassen. So wie der Verstand vom blauen Himmel weiß, auch wenn der gerade von den Wolken verdeckt wird, so weiß der Glaube von der neuen Welt Gottes, auch wenn diese noch nicht sichtbar ist.

Freundliche Grüße von Haus zu Haus
Achim Neubauer

(Diese Andacht erschien in Kark un Lüe III / 2016)

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