„Hier stehe ich, ich kann nicht anders … “ – Andacht von Pastor Achim Neubauer

Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.
(Martin Luther am 18. April 1521 auf dem Reichstag im Worms)

Standhaft vertritt Martin Luther seine Glaubensüberzeugung. Wissend um Gefahr für Leib und Seele stellt er sich dem Verhör durch Kaiser und Reich. Selbst die Autorität der Kirche, des Papstes, der Konzilien, bringen ihn nicht dazu, von seiner Gewissheit abzulassen.

So schildert die Geschichtsschreibung den Reformator: Er will sich allein überzeugen lassen durch Worte der Schrift oder durch Gründe der Vernunft. An seinem Zeugnis, seiner Standhaftigkeit beißen sich Staat und Kirche die Zähne aus.

In manchen Predigten, verschiedenen Texten allerdings spinnt Martin Luther schon zu Lebzeiten an seiner eigenen Legende. „Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr‘, Kind und Weib; laß fahren dahin“, formuliert er schaurig trotzig in dem Choral „Ein‘ feste Burg“ und spätestens dann wird deutlich, dass es manchmal nur ein schmaler Grat ist zwischen einem festen Standpunkt einerseits und blinder Verbohrheit andererseits.

Das Verdienst, in der von ihm reformierten Kirche die Heilige Schrift, die gute Nachricht, das Evangelium wieder freigelegt zu haben, das verschüttet worden war unter Zwang, Strafandrohungen und Angst machenden Predigten; dieses Verdienst wird dem Mönch aus Eisleben niemand bestreiten. Ob er in seinem ganzen Handeln, mit seinem ganzen Leben zum Vorbild taugt, für die Christenheit, darüber lässt sich sicher trefflich disputieren.

„Bist Du sicher, Martinus“, so hinterfragt Katharina von Bora ihren Mann in einer Tischrede, die sich die Schriftstellerin Christine Brückner erdacht hat.(*) Eine „ungehaltene“ Rede, einer „ungehaltenen“ Frau.
Sie erinnert Martin Luther daran, dass der im Verlauf der Reformation zu einem wurde, der längst selbst Teil der Obrigkeit ist, über die er klagt.
Sich selbst sieht sie als diejenige, die dem gelehrten „Doktor Martinus“ den Rücken frei hält, sich abrackert mit dem großen Haushalt, damit ihr Mann im Studierzimmer Ruhe hat, um schöne Predigtworte zu finden. Und sie fragt danach, ob Reformation, Freiheit nicht auch ihre Konsequenzen haben müsse für die Gleichberechtigung in der Ehe, in der Gesellschaft.

Die feste Gewissheit ist die eine Seite. Ob es aber wohl stets und ständig möglich ist, diese Überzeugung auch so zu leben, dass sie dem Frieden dient, Frieden im Haus, Frieden im Land?

Die Konsequenz der Reformation jedenfalls war auch ein langer Krieg; blutige Kämpfe zwischen Konfessionen, die doch Jesus Christus als Gottes Sohn verehren, bekennen, dass Gott die Liebe ist. Ausgerechnet die waren nicht dazu in der Lage zu tolerieren, zu akzeptieren, dass im Garten des Allmächtigen viele Blumen, viele Überzeugungen blühen können.

Jeder Morgen beginnt mit guten Vorsätzen, aber wie selten reichen die bis zum Abend.

Freundliche Grüße von Haus zu Haus

Achim Neubauer

(*) Christine Brückner.
Wenn du geredet hättest, Desdemona.
Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen.
Hamburg. ISBN 978-3548286389

(Diese Andacht erschien in Kark un Lüe II / 2017)

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