„Luther, Luther, Luther und nochmals Luther!“ – Andacht von Pastor Stephan Bohlen

Manchmal, liebe Leserin, lieber Leser, manchmal schrecke ich in diesem Jahr des Jubels schweißgebadet des Nachts aus dem Schlaf, weil mich dieses Reformationsjubiläum schon regelrecht zu verfolgen droht. „Luther, Luther, Luther und nochmals Luther!“: Vorträge, Gottesdienstreihen, Feste für Kinder, Aktionen für Jugendliche, Seniorenkreise zum Thema, Reisen, Konfirmandenunterricht, der Kirchentag an der Elbe, TV-Produktionen, Diskussionsrunden, Gemeindebriefe, und und und.
Unter den Gemeinden scheint ein Wettkampf um die Krone des Gedenkens ausgebrochen zu sein! – Nur: Wen interessiert das alles wirklich jenseits von „Wehr und Waffen“ der „festen Burg“? 

Doch trotz der Schrecken mancher Nacht: Sich an die Reformation zu erinnern, ist ein Segen! „Denn selig macht, was Martin Luther erfand. / Komm einfach zu uns und werd‘ Protestant!“, so hatte schon der „Schwarze Humor“, das Pastoren-Kabarett aus Oldenburg und umzu einst gesungen. Was Luther „erfand“ und was selig macht, und was sich in der Tat zu feiern lohnt, ist diese Erkenntnis Luthers, dass Gott uns lieb hat. Einfach so, weil es uns gibt. Und die Liebe zu feiern – dafür lohnt jeder Aufwand!

Im Urlaub beim Spaziergang am Strand auf Norderney hat mich dieser Stein gefunden. Ein Herz. Mitten im Meer. Das musste ich dann gleich auch unbedingt fotografieren. Warum, das wurde mir erst einige Zeit später deutlich:

Ich war dabei, einen Gottesdienst vorzubereiten. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“ war der Wochenspruch (Jesaja 43,1). Die Taufe das Thema. Ich hatte dieses wunderbare Bibelwort gerade in den Mac getippt und begann, an der Predigt zu arbeiten: „Wo kommt Gott eigentlich in meinem Leben vor? Wo begegnet mir Gottes Liebe?“, fragte ich mich. Und da stolperte ich wieder über diesen Stein. Gottes Liebe ist ein Stolperstein. Mitten im Sand des Alltags begegnet uns Herz und Liebe, Wärme und Nähe, Rat und Hilfe, Unterstützung und Beistand Gottes.

Ganz klein und unscheinbar und versteckt im alltäglichen Vielerlei und Einerlei begegnet uns Gott mit seiner Liebe: Eben in der Begegnung mit Menschen, die uns gut tun. Wo uns einer hilft, uns eine andere zuhört, wo wir zusammen mit anderen fröhlich feiern, in der Erholung am Strand, im Spiel mit den Kindern, in der Liebe des Partners und der Partnerin, in Freundschaft und Vertrauen, in Trost und Begleitung – auch darin, in Frieden Abschied nehmen zu können, in den guten Fügungen eines Lebens.

Für den einen ist es Zufall, Glück, Mitmenschlichkeit oder Solidarität. Für den anderen ein Stolperstein der Liebe Gottes in seinem Alltag, eine Erinnerung an die Zussage, die Gott uns in der Taufe gegeben hat: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“ Ich bin Gottes geliebtes Kind. Ich bin wertvoll und geachtet. Obwohl nur Sternenstaub im Universum und von sehr begrenzter Haltbarkeit, habe ich Würde und Hoheit. Egal, was ich kann oder auf der Reise durch das Leben erreichen werde, ich habe bei Gott einen Namen. Er kennt mich.

Und darum lohnt es sich, den Luther zu feiern und kennenzulernen. Wo uns dies eine bei Luther in den Sinn kommt: „Das ist doch der, der die Liebe Gottes wieder entdeckt und zur Mitte und zum Kern seines Denkens und Handelns gemacht hat.“, da hat sich dies Jubeljahr gelohnt. Was vor 500 Jahren geklappt hat, kann auch heute klappen. Wie in diesem Sommer am Strand von Norderney. Ich jedenfalls wünsche Ihnen viele solche Stolpersteine, die Sie die Liebe Gottes mitten auf ihren Lebenswegen entdecken lassen.

Ihr Pastor Stephan Bohlen

(Diese Andacht erschien in Kark un Lüe III / 2017)

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