„Ein jegliches hat seine Zeit …“ – Andacht von Achim Neubauer


Nicht eine einzige Pflanze wächst schneller, wenn daran gezogen wird.
Gute Ergebnisse werden nicht erzielt, wenn der Druck auf die Verhandelnden nur hoch genug ist.
Fröhlichkeit lässt sich nicht anordnen.
Friede entsteht nicht dann, wenn er befohlen wird.
 
„Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ So stellte es schon vor über 2.300 Jahren der Prediger Salomo fest. Im Zentrum dieses Buchs aus dem Alten Testament steht die Frage danach, wie der Mensch ein glückliches, ein zufriedenes Leben gestalten kann. Die Antwort, die damals gefunden wurde, ist geprägt von einer pessimistischen Philosophie – oder: Je nachdem wie der Blickwinkel aussieht – von einer überaus realistischen Bestandsaufnahme des Daseins.
 
Es gibt so fürchterlich wenig, dass der Mensch ganz allein in seiner Hand hat. Da sind Strukturen, auch Abhängigkeiten, selbst ausgesucht oder hineingedrängt, denen nicht zu entfliehen ist; damals wie heute. Selbst Gesundheit und Zufriedenheit, sind relative Begriffe; es kommt wie so oft auf die persönliche Einstellung an. Der Prediger Salomo jedenfalls stößt an die Grenzen seiner Weisheit.
„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“
Jesus selbst empfiehlt, eine andere Perspektive einzunehmen. Und: Es ist ja schon richtig. Wer nur um sich selbst kreist, kann schwer Hoffnung entwickeln. Egoismus mag die eigene Seele streicheln, einen Lebenssinn entwickeln, das kann niemand für sich allein.
 
Im Alltag wird die Aufforderung von Jesus nur selten die Rolle spielen, die ihm nach dem Neuen Testament eigentlich zukommt. Wer trachtet denn schon allen Ernstes immer und ständig und zuerst nach dem Reich Gottes? Selbst die Kirche macht da keine Ausnahme. Die Gemeindearbeit und das Handeln der Pastorinnen und Pastoren ist in weiten Teilen geprägt von ganz irdischen Aufgaben: Wie begleiten wir Menschen, in ihren je eigenen Lebenssituationen? Wie schaffen wir durch Entscheidungen im Gemeindekirchenrat Grundlagen, dass Gemeindeglieder sich zu Hause fühlen, eine Heimat haben können?
 
Aber: „Reich Gottes?“ Das klingt groß. Zu groß. Gleichzeitig ist es schwer, sich von diesem Gedanken, dieser Sprache der Sehnsucht zu distanzieren. Seine Würde liegt in der Unbescheidenheit. So darf der Glaube auch gerne den Mund mal voll nehmen: Nicht, weil Christen, nicht weil Gottes Gemeinde so toll wäre, sondern weil der Allmächtige seine Hand über uns hält. Das muss niemand machen, kann keine erwirken, nicht erzwungen werden. Was zu tun übrig bleibt, ist beten und trachten, warten und sehnen.
 
Dabei die Hände nicht nur in den Schoß zu legen, sondern das Leben Gott zu befehlen, bleibt Aufgabe seiner Geschöpfe. In aller Vorläufigkeit, sich zu mühen, den rechten Weg zu finden, der sich für Gottes Ebenbild geziemt.
 
Mit solchem Blick kann dann auch auf die eigene Gemeinde geschaut werden, selbstkritisch, großherzig.
Das wir die ganz konkreten Aufgaben anpacken, und alles andere dem Allmächtigen überlassen. Kummer, Zukunftsangst und Sorge um die Liebsten, das kann Gott tragen, das will erauch tragen und ertragen, damit wir leben können: Weinen und lachen, singen und tanzen, mit festem Schritt und leichtem Mut.
 
Mit freundlichen Grüßen von Haus zu Haus
Achim Neubauer

(Diese Andacht erschien in Kark un Lüe I / 2018)

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