„Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören ..:“ – Andacht von Achim Neubauer

„Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“ (Jakobusbrief 1,19)

 

Langsamkeit ist in dieser Zeit keine hoch geschätzte Eigenschaft. Ganz im Gegenteil: Wer sich Zeit nimmt, steht im Verdacht, nichts zu tun zu haben. Schnell werden Meinungen gebildet, Bewertungen vorgenommen und Entscheidungen getroffen. Dass das nicht gut tut, die Hektik Menschen voneinander entfremdet .. mehr als ein Achselzucken fällt den Wenigsten dazu ein: „Is‘ halt so!“ und dann trollen sie sich wieder in das persönliche Hamsterrad.

Über kurz oder lang spürt fast jeder, wie anstrengend dieses Leben ist und dass dabei manches auf der Strecke bleibt, sehenden Auges geopfert wird: Muße, Entspannung, Ruhe, manchmal sogar Beziehungen. Allein die großen Ferien, der Urlaub mögen dann helfen, die Langsamkeit wieder zu entdecken, zu sich selbst zu finden und zu spüren, was das Leben ausmacht.

„Hören, reden, zornig werden“; die Trias, die Jakobus nennt, sie klingt so selbstverständlich, bildet sie doch die Grundlage für ein funktionierendes Miteinander, eine gelingende Gemeinschaft. Gleichzeitig scheint sie aus einer ganz fernen, vergangenen Zeit zu stammen.

Lauthals kultivieren zornige Männer und Frauen ihre Ohn- oder Allmachtsphantasien und leben in den eigenen Realitäten. Persönliche Verletzungen und Diffamierungen, Lügen gar werden zum Teil einer Politik, die überall nur Gegner und Feinde vermutet, die bekämpft werden müssen, einer Gesellschaft, die anstelle von Ausgleich auf Konfrontation setzt.

Der Apostel fordert zum Entschleunigen auf. Nicht nur in der Urlaubszeit tut es gut, zur Ruhe zu kommen, zu hören, miteinander zu reden; ja und dann vielleicht aber auch tatsächlich zornig zu werden.

Jakobus bleibt Realist; er spricht eben nicht vom ewigen Frieden und dem streitlosen Miteinander. Das  wird es erst in der ewigen Seligkeit im Schoß des Allmächtigen geben. Aber die (Neu-)Entdeckung der Ruhe mag gut tun, das Leben, das Zusammenleben zu gestalten in den Bauerschaften, der Gemeinde, der Nation, der einen Welt.

Achim Neubauer

(Diese Andacht erschien in Kark un Lüe IV / 2019)

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