Andacht für den 20. März 2020 – Stephan Bohlen (Edewecht)

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„Das waren (noch) Zeiten!“ 

 

„Das waren Zeiten!“, diese Worte – oft begleitet von strahlenden Augen, die in die Runde schweifen, um zustimmendes Kopfnicken zu ernten, – begegnen mir bei Besuchen in der Gemeinde immer wieder einmal. Auch Sie werden das kennen, liebe Leserin und lieber Leser: Da wird ein Fest in der Familie gefeiert. Junge und Alte kommen zusammen aus nah und fern. Und dann werden Geschichten erzählt von heute und von damals. Und irgendwann fallen diese Worte: „Das waren Zeiten!“ – mitunter fein garniert mit dem Wörtchen „noch“: „Das waren noch Zeiten!“ Wer so zurückblickt, der schaut nicht selten auf Herausforderungen, die zu meistern waren. Die Zeit nach dem Krieg. Der Start ins Berufsleben. Die erste Zeit als frisch vermählte Eheleute oder als Eltern. „Das waren (noch) Zeiten!“


Ich stelle mir vor, wie die Freundinnen und Freunde von Jesus irgendwann einmal zusammen gesessen haben, um sich zu erinnern an die Zeiten mit ihrem Herrn. Mag sein, dass nach dem einen oder anderen Becher Wein dann auch jene Worte zu hören waren: „Das waren (noch) Zeiten!“

Vielleicht war dieser Runde dann auch eine Geschichte neu präsent, in der sich die muntere Truppe so ganz und gar nicht munter gefühlt haben mag. Eher ausgeliefert, schutz- und wehrlos dahin gegeben an die Mächte der Natur. „Wisst Ihr noch, damals, als wir mit dem Boot unterwegs waren, um über den See zu fahren? Wir waren schon eine Weile unterwegs und dann kam dieser Sturm auf. Erst war da nur so ein bisschen Wind. Weit weg und nicht bedrohlich waren am Horizont im Osten auch dunklere Wolken zu sehen. Und dann ging es los. Mit einem Mal. Regelrecht überrollt worden sind wir von dieser Entwicklung. Immer schlimmer wurde es. Als würde sich diese dunkle Kraft immer wieder verdoppeln. Mann! Hat uns der Sturm durchgeschüttelt. Das Segel zerrissen. Das Ruder ist dem Steuermann fast aus der Hand geschlagen worden. Und überall war Wasser. Kein Schutz. Nirgends. Völlig ausgeliefert waren wir da – mitten auf dem See.“

Ausgeliefert. 

Das Gefühl kennen wir heute nur zu gut. Ein Virus hat uns im Griff. Erst weit weg. Kaum wahrnehmbar am östlichen Horizont. Und dann mit einem Mal erwischt es uns mit voller Wucht. Rüttelt und schüttelt uns durch. Erschüttert die Selbstverständlichkeiten unseres Lebens. Raubt uns die Sicherheit, den Alltag, das gewohnte Leben. Manchen auch die Gesundheit und noch mehr.

Nicht schön. Ganz und gar nicht.

Die Freunde Jesu auf dem See, die da von den Naturgewalten in ihrer Nussschale durcheinander gewürfelt wurden, erinnerten sich in allem Aktionismus – von Segelhalten, Ruder sichern und Wasserschöpfen – irgendwann daran, dass sie nicht allein unterwegs waren. Da war doch noch einer mit an Bord in ihrem Lebensschiff. Ganz hinten im Boot war er zu finden. Da hat er gelegen und geschlafen. Ganz entspannt auf einem Kissen: Jesus selbst.

Der wurde flugs geweckt. Ich mag mir das gar nicht gerne vorstellen, wie das ist, in solch einem Moment aus dem Schlaf gerissen zu werden. Absolut nicht schön, wenn sofort Alarm ist, sobald man die Augen geöffnet hat. Zumal das, was der eben erwachte Jesus sich da anhören musste, wüste Anklagen und Vorwürfe, beileibe nicht nett war.

Jesus steht auf. Sagt erst einmal nichts. Und redet zunächst mit Wind und Wellen. Und dann ist Ruhe. Jetzt erst wendet er sich an seine begossenen Mitreisenden. Und fragt nach ihrem Vertrauen. Nach dem, was ihnen Halt gibt.

Mich hat diese Geschichte schon immer fasziniert: Jesus ist mit an Bord. Hinten liegt er still und schlummernd auf einem Kissen in meinem Lebensboot. Wind und Wellen mögen daran reißen. Und auch dieses Virus mag mich kriegen. Aber packen kann es mich nicht. Denn ein Anderer hält mich in seiner Hand. Mitunter vergesse ich das. Und manchmal ist es auch verdammt schwer, darauf zu vertrauen. Und gar nicht so selten bin ich auch am Schimpfen und Zweifeln und Klagen und vergesse, dass da einer auf mich aufpasst. Und dann sind da die Momente, wo ich in froher Runde mit lieben Menschen beisammen bin und mich erinnere an die eine oder andere Herausforderung. Und wie es dann weiterging. Irgendwie. Und mitunter auch erst, nachdem man Federn gelassen hatte. Und dann höre ich mich sagen „Das waren (noch) Zeiten!“

Vielleicht – Gott möge es uns geben – werden auch wir irgendwann wieder zusammen kommen können, um miteinander zu feiern und uns zu erinnern. An diese Zeiten. Und wie wir damals den neu entdeckt haben, der uns still begleitet auch auf Wegen wie diesen.

Ihr Pastor Stephan Bohlen

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