Andacht für den 02. April 2020 – Friedrich Henoch (Rastede)

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„Weil es vernünftig ist!“ 

 

„Warum habt ihr euch nicht gewehrt, als man von euch verlangte, die Gotteshäuser zu schließen?“ So wurde ich gefragt.

„Ihr hättet protestieren müssen. Kein Karfreitags-, kein Ostergottesdienst, das gab es noch nie in den letzten 1990 Jahren. Da hätte doch was möglich sein müssen.“

„Weil es vernünftig ist“, kann man auf solche oder ähnliche Fragen nur antworten. Gott gab uns den Verstand, damit wir ihn gebrauchen, um die Zusammenhänge des Lebens zu erkennen und das Richtige zu tun. Davon erzählt schon die Bibel. Das ist Gottes große Gabe an uns Menschen, dass wir denken können. Mit dieser Gabe hat er uns ein starkes Werkzeug in die Hand gegeben, um im Leben zurecht zu kommen.
Auf die Bedeutung der Vernunft macht alle Kirchenbesucher*innen der St.-Ulrichs-Kirche in Rastede auch eine Figur an der Kanzel aufmerksam. Die Darstellung einer Frau mit einer Schlange in der Hand erinnert daran: Gebrauche deinen Verstand. Ich finde es schön, dass diese Figur mich und alle Gottesdienstteilnehmer*innen jeden Sonntag neu an die Tugend der Klugheit erinnert.

Nicht immer handeln Menschen vernünftig. Das wird auch in der Coronakrise deutlich. Manche Menschen müssen zum guten Handeln gezwungen werden. Wie viel Unverstand spricht aus dem Verhalten einiger Mitbürger*innen, die Ordnungskräfte bespucken, wenn Sie an die Notwendigkeit erinnern, den Abstand zu den Mitbürger*innen zu wahren. Umso mehr freue ich mich darüber, dass die meisten Menschen bereit sind, das Vernünftige zu tun.

Weil es vernünftig ist …

Vielleicht sollten wir uns angewöhnen, nicht nur das Abstandsgebot einzuhalten, weil es vernünftig ist. Es gibt so viel, was die Vernunft sagt und was wir dennoch nicht tun oder lieber unterlassen, weil es so bequem ist, weil wir es so gewohnt sind, weil wir einfach nicht darüber nachgedacht haben.
Weil es vernünftig ist, … das sollte vielleicht auch eine Richtschnur sein, wenn wir bedenken, was zum Bespiel angesichts der Klimakrise getan werde muss.
Weil es vernünftig ist …

Als Kirche Jesu Christi bekennen wir, dass es auch in Coronazeiten Sinn macht, Gott zu loben und zu preisen und Gott für das Leben zu danken. Auch wenn die Kirchen geschlossen sind. Weil es vernünftig ist, werden wir uns auch weiterhin trösten lassen von der Gewissheit des Glaubens, dass wir endlich sind und unser endliches Leben in Gottes Händen ruht. Denn diese Gewissheit stärkt und richtet auf. Gerade in schweren Zeiten trägt das Vertrauen auf Gott.

Weil es vernünftig ist, behalten wir natürlich auch die Grenzen unserer Vernunft im Blick. Unser Wissen ist und bleibt Stückwerk. Die ganze Wahrheit werden wir wohl nie erfassen. Die Allwissenheit ist nach der kirchlichen Tradition entsprechend auch ein göttliches Prädikat, das wir Menschen uns nicht anmaßen sollten zu besitzen.

Weil ein einzelner Mensch nicht alles wissen kann, sind und bleiben wir auch in Coronazeiten auf das Gespräch angewiesen, den Austausch untereinander, das gemeinsame Ringen um die Wahrheit, um dann, nach bestem Wissen und Gewissen, im Wissen um alle menschliche Unzulänglichkeit, kluge Entscheidungen zu fällen und – auch das ist ganz wichtig – dann auch entsprechend zu handeln.

Weil das vernünftig ist.

Ihr Pastor Friedrich Henoch

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