Andacht für den 03. April 2020 – Michael Kühn (Westerstede)

Download dieser Andacht als pdf  – zum Archiv der „Worte, die Mut machen“

Heimat  

 

In der vergangenen Woche habe ich zwei ungewöhnliche Trauerandachten gefeiert. Nur zehn Personen sind in dieser Krisenzeit auf dem Friedhof erlaubt. Und beide Verstorbenen haben große Familien, Enkel, die gern bei der Abschiednahme von Oma oder Opa mitgetrauert hätten, jahrzehntelange Nachbarschaften, denen ein würdiger Abschied versagt wurde. Die Andachten unter freiem Himmel habe ich aufgenommen und den Link versandt. Corona-Not macht erfinderisch.

Die altgewordene Dame war mit einem aus seinem schlesischen Heimatort Poischwitz Vertriebenen verheiratet. Und der andere, der über 92jährige Verstorbene hatte stets eine Fahne seiner pommerschen Heimatstadt in seinem Garten wehen. Jetzt weht sie auf Halbmast.
Der Heimatort. Die „Heimat“. Woran denken wir, wenn wir diese Worte hören: an unsere Kindheit mit einem starken Gefühl der Verwurzelung dort, wo wir aufgewachsen sind, an unsere Jugend mit ihren Träumen und ihren Bäumen, an Menschen, die uns geprägt haben, an Sitten und Gebräuche, an Lieder, Sprache oder Dialekte, an die Gräber unserer Ahnen.

Der Heimatort. Die „Heimat“. Für alle Flüchtlinge und Vertriebenen, für die gewaltsam aus ihrer Heimat Ausgerissenen auf dieser Erde ist die Heimat mit Schmerz, mit Trauer verbunden. Oft ist eine Sehnsucht nach der Heimat mächtig in der Seele, eine Sehnsucht zurück, die ungestillt bleibt. ODER, wie es beide oben genannten Verstorbenen gelebt haben: eine neue Heimat, ein neuer Heimatort wird gefunden und die Wurzeln eines ausgerissenen Baumes finden neuen, fruchtbaren Boden, nehmen manche Sitten und Gebräuche und manche alten Lieder mit in die neue Heimat.

Die Bibel erzählt von vielen Flüchtlingen und Vertriebenen. Von Adam und Eva, die aus dem Paradies vertrieben werden, den Vertriebenen in Babylon bis zu Maria und Josef, die vor der Verfolgung aus ihrer Heimat flüchten müssen.

Die Bibel geht noch weiter. Im Hebräerbrief, einer langen Predigt für die vertriebenen Jüdinnen und Juden, die an Christus glauben, heißt es im letzten Kapitel: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“

Heißt das, wir haben keine „Heimat“, keinen Ort, an dem wir sicher und unter Gottes Segen leben dürfen? Arbeiten wir Christen denn umsonst am Wachsen von Frieden und Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung?

Im Gegenteil, die Bibel eröffnet uns eine Gemeinschaft der Suchenden, eine Gemeinschaft, die eine neue Heimat sucht und erstrebt, eine Heimat, in der Gott selbst seine Hütte unter den Menschen gebaut hat und mitten unter uns wohnt wie Jesus Christus unter den Menschen gelebt und gewirkt hat.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“ Hinter all unserem Erstreben, hinter all unserer Sehnsucht nach einer Heimat, in der kein Kind mehr weint, niemand mehr krank wird und keiner mehr einen sinnlosen oder einsamen Tod stirbt, hinter all unserer Sehnsucht nach einer wahren Heimat öffnet sich für uns der Himmel, das Himmelreich, von dem Jesus gepredigt hat.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!“ Jesus sagt das in seiner Bergpredigt ganz ähnlich: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ Denn das Reich der Himmel ist schon da. Es ist mitten unter uns – unsichtbar. Und wir erstreben es und arbeiten daran, dass es immer sichtbarer wird.

Und am Ende unseres Lebens, wenn wir unsere irdische Heimat verlassen, wartet der Himmel, das Paradies auf uns. Ein Dichter, der Krieg, den 30Jährigen, Vertreibung und Tod immer wieder hautnah erleben musste, war der Pfarrer und Dichter Paul Gerhardt. Sein Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ kennen viele von uns als Sommerlied. Im zweiten Teil dieses Liedes malt Paul Gerhardt uns das Ende vor Augen – nicht als zukünftige Heimatstadt, sondern als wunderschönen Garten. Ganz am Schluss heißt es dann:

„Erwähle mich zum Paradeis / und lass mich bis zur letzten Reis /
an Leib und Seele grünen, /
so will ich dir und deiner Ehr / allein und sonsten keinem mehr /
hier und dort ewig dienen, / hier und dort ewig dienen.“

Ihr Pastor Michael Kühn

Kommentare sind geschlossen.