Andacht für den 24. April 2020 – Holger de Buhr (Westerstede)

 

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Am Ende wird alles gut

Es war im April 2020.
Die Straßen waren leerer als sonst, die meisten Geschäfte geschlossen,
die Leute hatten plötzlich Zeit.
Die Natur atmete auf.
Und die Blumen blühten, die Sonne schien –
der Himmel so blau wie schon lange nicht.
Die Wahrnehmung nahm zu,
das Sehen und Hören wurde mehr.

Es war im April 2020.
Und am Nachmittag spielte man im Haus und im Garten.
Es war das Jahr, in dem man nur zum Einkaufen rausgehen konnte.
Fast alles war geschlossen.
Auch die Büros, Hotels und Bars. Ausgänge und Grenzen wurden bewacht.
Das Jahr, in dem man entdeckte, dass es auch kleine Geschäfte gibt.
Die eigene Welt war auf das Wesentliche reduziert.
Es gab nicht genügend Platz mehr für alle in den Krankenhäusern.
Und die Leute wurden krank. Und manche von Ihnen starben.
Die Natur holte sich etwas zurück und die Pflanzen trieben Sprossen.
Die großen Schiffe lagen im Hafen, die Flugzeuge brauchte keiner mehr.
Alte und Junge, der Gesundheit wegen ans Haus gebunden.

Es war nicht möglich, in die Zukunft zu denken.
Und der Natur war es egal, die Blumen blühten weiter.
Es wurde wieder Freude daran entdeckt, gemeinsam zu essen,
zu schreiben und zu reden, man ließ der Fantasie freien Lauf und aus Langeweile wurde Kreativität.
Und manche Einsamkeit brach sich Bahn.
Manche lernten eine neue Sprache.
Manche entdeckten die Kunst.
Manche, dass sie gerne etwas abgeben von ihrer Kraft und dankbar waren.

Es war das Jahr, in dem man die Augen zudrückte und Fünfe gerade sein ließ.
In dem man das Wichtige vom Unwichtigen unterschied. Und sich Zeit ließ.
Der Eine merkte, dass er getrennt vom Leben war und fand zu sich zurück.
Der Andere hörte auf, mit Arroganz zu handeln.
Der Neid verblasste allmählich, denn in diesem Jahr waren alle gleich.
Die Konkurrenz und die Macht legten sich, denn man begegnete sich nicht mehr direkt.
Der Eine kündigte seinen Job, zog in einen umgebauten Bauwagen und kümmerte sich fortan um Gestrandete und Wohnungslose.
Der Andere verließ seine Freundin, um seinem besten Freund seine Liebe zu gestehen.
Der Nächste entdeckte die Schönheit seiner Partnerin und verliebte sich neu.
Ein anderer entdeckte für sich, was Würde bedeutet und änderte seine Haltung sich und anderen gegenüber.

Es war das Jahr, in dem man die Bedeutung der Gesundheit und des wahren Leidens erkannte und vielleicht auch seine eigene Berufung.
Seinen Auftrag, um dem Sinn und der Erfüllung im Leben ein Stück näher zu kommen.

Das Jahr, in dem die Welt am Ende zu sein schien.
Und die Wirtschaft den Bach runterging.
Aber die Welt hörte nicht auf, sie erfand sich neu. Und ein Gefühl von Sinn lag über allem.

Und die Natur bekam ihre Seele zurück, Strände und Wälder menschenleer – und ein Zaunkönig sprang von einem Ast zum anderen.
Und dann kam der Tag, an dem allen gesagt wurde, dass es vorbei sei und das Virus verloren habe.
Und dann gingen die Menschen auf die Straße.

Mit Tränen in den Augen.
Ohne Masken und Handschuhe.
Umarmten den unbekannten Nachbarn als sei er unser Bruder.

Es kam der Sommer. Und es war so seltsam anders. Anders als alle Sommer zuvor.
Und die Welt drehte sich und das Leben ging weiter.

Trotz allem.
Trotz des Virus.
Trotz der Angst.
Trotz des Todes.
Die Schöpfung Gottes lehrte allen die Kraft des Lebens. Den Geist.
Den ewigen Atem. Und den Hauch, der in uns steckt.

Am Ende wird alles gut.
Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende.

Ihr Pastor Holger de Buhr

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