Andacht für den 01. Mai 2020 – Sabine Karwath (Westerstede)

 

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Snutenpullies

Seit dieser Woche sind sie auch in Niedersachsen Pflicht geworden, die „Snutenpullies“, oder, um es in der hochdeutschen Übersetzung zu sagen, der einfache Mund und Nasenschutz. Über das Für und Wider mögen andere diskutieren, ich weiß nur, ich kann zwar nähen, meine notwendige Maske liegt parat, aber im Moment lockt mich die Nähmaschine nicht sonderlich zu weiteren Aktivitäten meinerseits.

Umso mehr habe ich mich gefreut, als vor wenigen Tagen eine Tüte an der Haustür baumelte. Darinnen eine kurze Notiz und 10 handgenähte Masken. „Ich dachte mir, die wirst du brauchen! Ich kann ja nicht viel helfen, aber das kann ich“, las ich auf der beigelegten Karte, und es folgte der weitere Hinweis, wenn ich mehr Masken bräuchte, etwa für die Senioren, sollte ich mich melden. Ich wusste sofort, wer mein guter Geist ist. Nach einem Unfall vor einigen Jahren sind viele Dinge nicht mehr möglich, aber an der Nähmaschine, da ist und bleibt sie eine wahre, ungeschlagene Meisterin.

„Dient einander mit den Fähigkeiten, die Gott euch geschenkt hat – jeder und jede mit der eigenen, besonderen Gabe! Dann seid ihr gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes“ lautet der Monatsspruch aus dem 1. Petrusbrief für den Monat Mai.

Mich erinnert die Tasche mit den „Snutenpullies“ ganz sanft an die Gaben jedes einzelnen Menschen, die in diesen Tagen an vielen Orten und Gelegenheiten wieder aufbrechen. Freiwillige, ob jung oder alt, gehen einkaufen und bringen Lebensmittel an die Tür, Computerkundige installieren Videokonferenzen und stellen Tablets zur Verfügung, damit Senioren ihre Kontakte pflegen können, trotz Besuchsverbots. Die Tafeln können vielerorts weiterarbeiten, weil junge und alte Hände Hand in Hand gehen: Die einen haben das Wissen, die anderen vielleicht mehr Widerstandskraft gegen das Virus, das uns so viel Geduld abverlangt. Man unterstützt sich in der Betreuung der Kinder, weil die Berufszeiten schwanken, je nach Bedarf. Und Nachbarschaftshilfe hat im Ammerland wieder einen neuen Klang bekommen, behaupte ich einmal. Die Liste der Beispiele ist lang, schauen Sie sich doch einmal in Ihrem Ort um!

Und das alles spiegelt für mich Kirche, wie ich sie mag. Kirche ist nicht nur der Gottesdienst, wie wir ihn hoffentlich bald wieder gemeinsam feiern dürfen, sondern Kirche ist ein Geflecht von Menschen, die für einander einstehen in den verschiedensten Aktivitäten. In Liebe. Gottesdienst im Alltag der Welt, nannte das einmal ein bekannter Theologe. Viele der Treffen der Gemeinde finden im Moment nicht statt, aber darunter, die Aktivitäten im ‚Kleinen‘, die funktionieren vielerorts ganz phantastisch. Jede/r bringt eine kleine Gabe, ihre/seine Gabe, mit ein für andere, einfach, weil es die Not und die Liebe gebietet. Nicht aufrechnen, sondern tun. Die Gabe, sie ist Gottes Geschenk an uns, seine vielfältige Gnade. Uns allen, so verschieden wie wir sind, mit in die Wiege gegeben. Und sie macht das gemeinsame miteinander Leben „bunt“, denn so ließe sich das griechische Wort ‚vielfältig‘ im Vers des Petrusbriefes anders übersetzen.

„Bunt“ erlebe ich dieses miteinander Leben mit dem Coronavirus. Eben nicht aufzugeben, weil die Zeit lang wird, sondern „bunt“ zu leben, in den Gaben, die wir miteinander teilen können. Jedes einzelne Teil fügt sich zu einem riesigen Puzzle zusammen, das uns lehrt, ja, wir haben Gaben geschenkt bekommen, die uns Mut machen, die uns miteinander verbinden in der Liebe und Geborgenheit Gottes. Es geht nicht darum sich selbst zu optimieren oder vor anderen gut dazustehen – kennen wir das vielleicht nicht sonst zu gut? -, sondern in unserem Handeln Gott die Ehre zu geben.

„Jeder soll bereit sein, anderen mit der Begabung zu helfen, die Gott einem gegeben hat. Geht damit einfach gut und korrekt um, ja?“ lautet unser Vers in der Übersetzung der VolxBibel. Gut und korrekt umgehen mit den eigenen Gaben, das wäre schon was. Viele Menschen handeln in diesen Tagen genau danach, in ihren Berufen, für andere. Wir wissen das. Und sind unendlich dankbar. Aber die kleinen Dinge sind genauso wichtig. Sie erzählen von Hoffnung, von Miteinander und von Vertrauen – ineinander und in Gott. Ist es nicht das, was Jesus gelehrt hat?

Ich bin sehr dankbar für meine „Snutenpullies“. Ich werde sie mit fröhlichem und freundlichem Gesicht tragen, und weiterreichen. Und mich darüber freuen, wie viele sichtbare und unsichtbare Gaben uns in dieser Zeit miteinander verbinden.

Ihre Pastorin Sabine Karwath

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