Andacht für den 04. Mai 2020 – Stephan Bohlen (Edewecht)

 

Download dieser Andacht als pdf  – zum Archiv der „Worte, die Mut machen“

Einer trage des anderen Last

Wir wohnen in der Nähe eines Waldstücks. Das ist schön. Quasi direkt ums Eck kann ich in die Natur. Der Hund kann direkt sein Geschäftchen erledigen und ich muss mich wegen der Entsorgung weder bücken noch an ein Tütchen oder so was denken. Die Leine kann ich auch daheim lassen. Das ist Freiheit pur. Ich liebe es.

Und wo ich schon beim Thema „Entsorgung“ war: Was meinen Sie, spare ich an der braunen Tonne? Nur die kleinste Größe wird benötigt. Der Rest geht in die Natur. Sie verstehen… Am Wochenende ist meist starker Schubkarren-Verkehr in und aus dem Wald. Freunde wohnen neben dem Friedhof. Die sparen bei der grauen Tonne. Wenn die bei der Kirche auch so blöd sind, alles so offen anzubieten… Meist vergessen die ja auch noch, die Tore zu den Containern zu verschließen. Einer trage des anderen Last! Da nehmen die sich jedenfalls mal selber ernst.

Aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen. Eigentlich sollte ich etwas Mutmachendes für „die herausfordernden Zeiten“ schreiben „durch die wir nun alle gemeinsam gehen müssen“. Unser Pfarrer hatte mich deswegen angeschrieben. Das in den Anführungszeichen ist sein O-Ton. So redet sonst kein Mensch. Kein normaler jedenfalls. Bei Kirche haben die ja so einen ganz eigenen Sprech. Warum der auf mich gekommen ist, weiß der Teufel. (Hui, das Wort sollte ich wohl besser nicht gebrauchen!) „Sie haben ja jetzt Zeit“ hat er in seiner Mail getextet, „da Sie nun daheim bleiben müssen.“

Natürlich bin ich daheim! Wer ist das nicht? Witzbold! Und wenn der wüsste, dass meine Firma eigentlich schon wieder aktiv ist und ihren Betrieb allmählich wieder hochzufahren beginnt, ich aber so schlau war und noch beim Arzt angerufen und in den Hörer gehustet habe… Aber egal. Ist doch auch irgendwie schön, gefragt zu sein. Mein Chef fragt auch immer wieder nach. Und meine Frau auch. Wegen Garten, Haushalt und diesem und jenem, was ich doch nun endlich reparieren oder aussortieren oder sonst was könnte. Die können MICH alle mal! Endlich habe ich Zeit für MICH!!! Drei Ausrufezeichen und ein fettes ICH!

Wenn ich mit dem Hund rausgehe, schwenke ich kurz in den Wald. Dann geht’s zu Heiner. Ein Bierchen auf der Terrasse. Wenn ich Glück habe, hat er den Grill angeworfen und es gibt was Saftiges dazu. Mitunter sind auch noch ein paar Kumpels da. „Refugees welcome!“ Ab und zu setzen wir uns auch rein und schauen uns zu zweit oder viert oder fünft (je nachdem, wer kommt) was auf seinem großen neuen Fernsehgerät an. Frisch gekauft. Heiner ist clever. Der nutzt die Zeit und surft durchs Internet. Findet immer den besten Preis. Beste Preisfindmaschine ever. Und niemand, der ihm reinredet. Seine Frau hat die Biege gemacht. Zwei Wochen CORONA hatten gereicht. Da hat sie ihm einen Zettel hingelegt: „Halte es nicht mehr aus mit Dir.“ Und weg war sie. Das Auto auch. Aber Heiner hat noch sein Motorrad. Hat ihn alles kalt gelassen. Lebt jetzt so vor sich hin. Einfach lustig in den Tag hinein. Lange aufbleiben, lange schlafen. Den ganzen Tag tun, wozu er Lust hat. Keiner redet ihm rein. Macht Vorhaltungen, stellt Forderungen. Echt klasse Leben.

Ich schaue auf die Uhr beim Bier. Nicht, dass meine Frau skeptisch wird und mir dieser Männerhort verschlossen wird…

Daheim ist der Abendbrottisch gedeckt. Aus der Garage habe ich mir ein Bier mitgenommen und schon auf dem Weg ins Esszimmer den ersten Schluck genommen. Von wegen Fahne. Alles wunderbar gedeckt. Sogar Blumen stehen auf dem Tisch. Frühling. Schon schön. Ein echter Kontrast zu Heiners Hausen.

Die Kinder kommen – widerwillig, aber immerhin – dazu. Gemeinsam wird gegessen. Ein frischer Salat. Gutes Brot, leckerer Aufschnitt. Wurst, Käse. Mein kaltes Bier. Tee und Saft. Menschen um mich herum. Wir reden und lachen. Und ich spüre, wie wohl ich mich fühle. Was für ein Geschenk das ist.

An der Spüle, als wir den Abwasch machen, schaut mich die beste Ehefrau von allen an. Hält inne und meint: „Heiner fühlt sich wohl ziemlich alleine, oder?“ Ich stutze. Natürlich weiß sie Bescheid. Sie wusste schon immer Bescheid. Hat mich durchschaut. Wie macht sie das nur? Und dann macht sie einfach weiter mit dem, was dran ist. Für die Familie. Und ich steh daneben. Und brauche einen Moment, um wieder Tritt zu fassen.

Es folgt ein typischer CORONA-Abend: Nachrichten, Sondersendung, Netflix oder das, was die Mediatheken so hergeben…Dann das Bett. Es ist anders als sonst. Meine Leichtigkeit ist dahin. Was hat mich da nur erwischt? Ich spüre so eine Unruhe in mir. Die Gedanken kreisen. Wald, Müll. Hund und Heiner, Firma, Attest und Hustenkunst. Bier und Familie. Meine Liebste und ich. Und diese komische Mail vom Pastor. Dahinter steckt bestimmt meine Holde. Die blickt immer so tief wie nur irgendwas. Ich schaue auf die Buchstaben in meinem Buch. SIE liegt neben mir. Stöpsel in den Ohren und Instagram vor der Nase. Dann kommt Bewegung in die Koje. Sie beugt sich rüber, nimmt die Stöpsel raus, legt das iPad beiseite: „Gute Nacht, Schatz. Schlaf gut!“ Licht aus. Schluss.

Ich liege noch da. Den Kopf voller Gedanken. Und ich spüre, wie mir unwohl wird. Lag das am Essen? Nein. Sicher nicht. Das kommt von tiefer unten. Viel tiefer. An Schlaf ist nicht zu denken, dafür denke ich zu viel. Ich nehme mein Mobiltelefon zur Hand. Tippe in die Suchleiste beim Browser ein. „Einer trage des anderen Last…“ – und lande in etwas, das sich Galaterbrief nennt.

What ever. Es geht wohl um so etwas wie Lastenausgleich. Solidarität. Dass einer an den anderen denkt. Dass einer vom anderen her denkt. Die Welt mit den Augen des anderen sieht. Sich an seine Stelle versetzt. Mist! Kein gutes Karma für dich, denke ich. Und dann blitzen so die Dinge auf, die scheinbar nur darauf gelauert haben, mich zu quälen…

All die Momente, in denen ich ICH groß und fett geschrieben habe und keinen Platz für ein Du oder Wir habe lassen wollen. ICH hatte meinen Spaß. Ganz sicher. Fühlte mich clever, schlauer und gerissener als die anderen.

Aber was ist, wenn alle so wären wie ich? Wenn alle das täten, was ich tue? Wie sähe dann die Welt aus? „Was du nicht willst, was man dir tu, …“ – Vielleicht sollte ich versuchen, was zu ändern. An mir. Für Dich und uns.

Ihr Pastor Stephan Bohlen

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Es gibt da einen bösen Satz: „wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“. Es gibt leider Menschen, welche das tatsächlich so sehen …