Andacht für den 14. Mai 2020 – Meike von Kajdacsy (Westerstede)

Download dieser Andacht als pdf  – zum Archiv der „Worte, die Mut machen“

Vergissmeinnicht und Tränendes Herz

Nein, es ist noch nicht vorbei. Wir feiern in diesen Wochen diese Sonntage mit ‚-ate‘ Jubilate, Kantate, Rogate, Osterzeitgottesdienste. An diesen Sonntagen wird sonst viel konfirmiert und getauft, gesungen und gefeiert. Es wird gejubelt, österlich und frühlingshaft. Manche versuchen das auch jetzt, trotz allem jubeln. Mir mag das nicht recht gelingen. Der Gottesdienst mit Mund-Nasenschutz freut mich, aber eben so leise wie die Bedingungen sind.

Nein, es ist noch nicht vorbei. Die ersten Lockerungen lehren uns weiter Besonnenheit. Die Situation bleibt eine Herausforderung, keineswegs eine Befreiung oder Rückkehr zum Normalen, wie manche fordern, ebenso wenig eine Bedrohung oder Willkür, wie manche skandieren.

An den Mund-Nasenschutz werden wir uns gewöhnen müssen. Er schützt nicht uns selbst, sondern andere. Leute ohne Mund-Nasenschutz in Geschäften oder anderen geschlossenen Räumen machen mich nervös, nicht um meinetwillen, sondern um anderer willen.

Seit Wochen hat mich niemand umarmt. Das fehlt mir. Patientinnen und Patienten im Krankenhaus dürfen keinen Besuch empfangen, nur in sehr besonderen Situationen die Allernächsten. In anderen Einrichtungen ist es ähnlich. Unter der Sehnsucht nach ihren Liebsten leiden manche sehr.

Wir freuen uns über jeden Schritt zu gewohntem Tun. Doch Normalität ist das nicht. Firmen, Geschäfte, Betriebe sind auf ganz unterschiedliche Weise betroffen. Verantwortung für Mitarbeitende und andere Menschen braucht Besonnenheit und gewissenhaftes Handeln. Manchmal ist das eine Zerreißprobe.

Auch in der Krise möchte ich Subjekt meines Lebens bleiben. Unter der Maske brauche ich langen Atem. Die Gedenkfeier zum 75. Jahrestag des Kriegsendes vor einigen Tagen hat mich beeindruckt und darin ermahnt. Froh und dankbar können wir sein, dass wir in Europa mit anderen Völkern seit 75 Jahren in Frieden leben. Das ist und bleibt nicht selbstverständlich und muss immer wieder erprobt und geschützt werden. Im Gedenken an den Krieg und in der Versöhnungsarbeit bin ich aufmerksam für Menschenverachtung im Verborgenen und für Diskriminierungen in unserer Gesellschaft. Ich möchte nicht bange werden wegen eines Virus, sondern wach und aktiv bleiben, sowohl im Umgang mit diesem Virus als auch für gesellschaftliche Prozesse. Komplexe Situationen brauchen differenziertes Denken und Handeln.

Jubilate, Kantate, Rogate – Jubelt, singt und betet, in dieser Osterzeit nicht nur mit Osterglocken und fröhlichen Gottesdiensten. Vergissmeinnicht und tränendes Herz blühen in diesen Tagen und erinnern daran, dass das Kreuz des Auferstandenen überwunden, aber nicht vergessen ist.

Zu Beginn der Coronakrise wurde das Wort aus dem 2.Timotheusbrief, 1,7 oft zitiert: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Möge Gottes Geist uns langen Atem geben, kräftig, liebevoll und besonnen zu leben, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden und der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen zu vertrauen.

Ihre Pastorin Meike von Kajdacsy

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.