Andacht für den 21. Mai 2020 – Lina Kohring (Wiefelstede)

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Ich bin dann mal weg!

So lautet der Titel des bekannten Buchs von Hape Kerkeling. „Ich bin dann mal weg!“ Dieser Satz ist für uns schon zur Redewendung geworden: „Ich bin dann mal weg!“ ruft er mit der Einkaufsliste für den Wochenendeinkauf in der Hand, die von Toilettenpapier bis Spaghetti reicht. „Ich bin dann mal weg!“ murmelt sie auf dem Weg zum Zigarettenautomaten, der zum gedanklichen Kurztrip nach New York, Hawaii oder San Francisco wird. „Ich bin dann mal weg!“ flüstert er, winkt noch einmal auf dem Weg zum Gate und steigt in das Flugzeug nach Australien.

Ich bin dann mal weg. Das kann vieles bedeuten. Ein kurzer Abstecher. Eine längere Reise. Ein Gedankenspiel. Abschalten. Rauskommen. Wegsein. Aber es bedeutet eigentlich immer auch irgendwann ein Wiedersehen. Heimkommen. Zurücksein. Und dann gibt es noch das Dazwischen. Sowohl bei denen, die zurückgelassen werden, als auch bei dem oder der Aufbrechenden. Für die einen ist diese Zwischenzeit vielleicht geprägt von Unsicherheit, Sorgen und Ängsten. Für die anderen eher von Freude, Genuss und Ruhe. Beim Einkauf sind es sicherlich auch Gedanken, wie „Denkt er an alles?“ „Wann kommt sie denn nun endlich zurück?“ oder „Mist, Tomatenmark ist auch leer.“

„Er wurde vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.“ (Apostelgeschichte 1,9 ff)

Heute ist Himmelfahrt. Der Tag also, an dem diese Begebenheit noch einmal ganz real wird: Jesus ist dann mal weg. Aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er wiederkommen. Eigentlich alles ganz einfach und klar. Das kennen wir doch. Vom Einkaufen. Vom Zigaretten-holen. Vom Flug in die Ferne. Und trotzdem ist es manchmal ganz schön schwer auszuhalten. Wann kommt er denn? Warum zeigt er sich nicht? Warten wir vergebens? Und vor allem: Was passiert eigentlich dann, wenn er wiederkommt?

Jesus ist dann mal weg. Und das inzwischen 2000 Jahre lang. Ewig. Und manchmal fühlt es sich genauso an. Manchmal ist er unendlich weit weg. Da reichen auch keine Lieder vom mächtigen König der Ehren, davon, dass wir nie allein und stets die Seinen sind oder von Quelle und Brot in Wüstennot. Da reichen keine Erinnerungen an Zeiten, in denen man sich fest mit ihm verbunden wusste. Da reichen keine Gebete. Die Entfernung scheint grenzenlos. Der Glaube so klein.

Und dann: Genau das Gegenteil. Das Gefühl ihm auf einmal so nah zu sein. Himmel auf Erden. Übersprudelnde Seligkeit. Mit leuchtenden Augen kommt es über die Lippen: „Lobe den Herren…“, „Komm Herr, segne uns…“ oder „Bewahre uns Gott…“ – weil wir sie spüren diese Bindung zu ihm. Erinnerungen werden groß und neue Erlebnisse kommen dazu: Die Konfirmation der Enkeltochter, das befreiende Gespräch mit dem Pastor, das Gefühl der Geborgenheit auf dem Heimweg. Wir können uns gar nicht vorstellen, uns jemals allein gefühlt zu haben.

Ich bin dann mal weg. Aber ich komme wieder. Und auch dazwischen verlasse ich euch nicht. Für uns bedeutet das, ein immer wiederkehrendes Schwanken zwischen Nähe und Distanz. Zwischen Wegsein und Wiedersehen. Zwischen Glaube und Zweifel. Heute an Himmelfahrt und jeden Tag neu. Und so schreibt Hape Kerkeling über seine Zeit auf dem Jakobsweg, was genauso für uns und unseren Glauben gilt:

„Dieser Weg ist hart und wundervoll. Er ist eine Herausforderung und eine Einladung. Er macht dich kaputt und leer. Und er baut dich wieder auf. Er nimmt dir alle Kraft und gibt sie dir dreifach zurück.“ (Hape Kerkeling)

Ihre Vikarin Lina Kohring

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