Andacht für den 22. Mai 2020 – Meike Bruns (Westerstede)

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Kurswechsel

Der Mann, der mir im Zug gegenübersitzt, hat es sich bequem gemacht. Er schaut aus dem Fenster.
Der Zug hält.
Der Mann mir gegenüber atmet schwer.
Wir fahren weiter.
Nächster Halt.
Der Mann seufzt.
Der Zug setzt sich wieder in Bewegung.
Wieder eine Station.
Der Mann stöhnt.
Wir fahren wieder an.
Ich nehme meinen Mut zusammen und spreche ihn an: „Ist alles in Ordnung?“
„Ja“, entgegnet mein Mitreisender, „wieso fragen Sie?“
„Sie seufzen bei jeder Station. Als hätten Sie Schmerzen.“
„Wissen Sie“ erwidert er, „ich fahre in die falsche Richtung.“
„Aber warum steigen Sie dann nicht aus?“ frage ich verwundert.
„Ach, hier ist es so schön warm“

Mir kommt das bekannt vor: Genau zu wissen, eigentlich müsste ich etwas ändern, aber dann doch lieber alles beim Alten lassen. Kleine Gewohnheiten, die mir schaden, aus Bequemlichkeit beibehalten; Vertrautes, das mich belastet, nicht aufgeben – aus Angst vor der Ungewissheit – Und jedes Mal, wenn ich innehalte und in mich hineinhorche, spüre ich dann doch, dass es immer weiter in die falsche Richtung geht.
In den letzten Tagen haben mir Menschen erzählt, wie ungewohnt und andererseits wohltuend die Zwangspause durch den Shutdown der Coronazeit für sie war. „Ich war auf mich zurückgeworfen“, meint eine Kollegin, „das war schwer, aber nur so habe ich endlich eingesehen, dass ich an meiner Wohnsituation etwas ändern muss.“ Ein Bekannter, der seine Ernährung in der Coronazeit komplett umgestellt hat, wünscht sich „Ich hoffe, ich falle nicht wieder zurück in den alten Trott“. Und eine Freundin hat sich ein Herz gefasst und das Gespräch mit ihrem Partner gesucht. „Ich habe gemerkt, dass ich endlich mit ihm sprechen muss, statt mein Unglücklich-sein in mich hineinzufressen – auch wenn ich überhaupt nicht weiß, wie es dann weitergeht“.

Die Corona-Maßnahmen werden gelockert, der Alltag nimmt wieder Fahrt auf.
Ich wünsche uns, dass wir weiterhin Haltepunkte finden, Stationen, an denen wir innehalten und sorgsam in uns hineinhören. Und dann vertrauensvoll zulassen, wenn uns eine innere Stimme oder ein Mitreisender rät „setz dich in Bewegung, ändere die Richtung, steig um …“
Die Richtung wechseln, wenn sich unsere Seele danach sehnt – dazu ermutigt uns Gott!
Und er sagt mir: Du bist nicht allein, wenn Du Dich auf den Weg machst.
Gott entlastet mich, wenn das Gepäck zu schwer wird, er legt einen Mantel um mich, wenn es zugig wird. Er kennt den Fahrplan und tröstet, wenn ich mich verloren fühle. Mit ihm finde ich den Weg zum neuen Gleis. Er ist mir Einstiegshilfe und führt mich zum einem guten neuen Platz.

Bei meinem letzten Kurswechsel hat mich Paul Gerhardts Lied zu Psalm 37,5 begleitet:

Befiehl du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege,
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.

In dieser Zuversicht wünsche ich uns freudvolle Neuanfänge!

Ihre Meike Bruns

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