Andacht für den 23. Mai 2020 – Florian Bortfeldt (Idafehn)

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Alles andere als selbstverständlich

Am Himmelfahrtstag 2020 sollte ich eigentlich – zusammen mit 30 weiteren Gemeindegliedern – im Reisebus unterwegs sein in Richtung der Partnergemeinde Idafehns, Königshain in der Oberlausitz. Seit über 60 Jahren fahren Menschen aus unserer Gemeinde dorthin, nicht einmal die innerdeutsche Grenze konnte sie vor 1990 daran hindern. Nun ist es die Corona-Pandemie, die erstmals unsere Reise zu unseren geschätzten Freunden an die polnische Grenze verhindert hat. Dabei war es für uns so selbstverständlich geworden, dorthin zu fahren.

Das ist aber nur ein Beispiel dafür, was für uns alles selbstverständlich war. 75 Jahre Frieden in Mitteleuropa, ein nie dagewesener Wohlstand, die beste medizinische Versorgung, die es je gab und die höchste Lebenserwartung, die die Welt je gesehen hat, haben meiner Meinung nach bei vielen von uns zu folgender Haltung geführt:

Wohlstand ist selbstverständlich,
Reisen ist selbstverständlich,
Essen gehen ist selbstverständlich,
Frieden ist selbstverständlich,
Gesundheit ist selbstverständlich,
Treffen mit Familie und Freunden sind selbstverständlich,
Gottesdienste sind selbstverständlich.

So haben die meisten von uns bis Februar gedacht. Nun, drei Monate später wissen wir: Nichts davon ist selbstverständlich. Dabei hätten wir doch von den Alten oder zumindest Älteren längst lernen können, dass nichts selbstverständlich ist. Von denen, die erlebt haben, dass man Lebensmittelmarken brauchte, um Brot, Butter oder Fleisch zu kaufen, wenn es überhaupt welches gab; dass sie von Tieffliegern angegriffen wurden, wenn sie zur Schule gegangen sind; dass man sie ausgegrenzt, abgeholt, eingesperrt und gefoltert hat, nur weil sie als ganz normale Deutsche, Kinder Abrahams, Isaaks und Jakobs waren; dass man nur reisen konnte, wenn die Regierung einen ließ, und das konnten 17 Millionen Deutsche im Osten bis 1989 nur sehr eingeschränkt; dass Kirchen geschlossen und Gottesdienste verboten waren, weil sowjetische Diktatoren meinten, dass Religion gefährlich ist für Volk und Staat. Und, last but not least, wir hätten lernen können, dass nichts selbstverständlich ist von denen, die erfahren haben, dass Verwandte und Freunde weit weg sind, unerreichbar in einem anderen Land oder gar vermisst oder verschollen, so wie man es auf dem Kriegsmahnmal hinter der Kirche in Idafehn nachlesen kann.

Neben vielem anderen, was wir aus den vergangenen Wochen und Monaten lernen konnten und können, ist mir dieses besonders klar geworden: Dass wir das, was unser Leben schön und lebenswert macht, in Zukunft wieder mehr wert schätzen sollten, als etwas sehr kostbares betrachten und noch dankbarer dafür sein sollten, dass wir es empfangen dürfen.

Bei unserer letzten Reise nach Königshain 2016 haben wir auch den Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine besucht. Bevor man diesen wunderschönen Friedhof betritt, muss man durch einen Rundbogen gehen.

Die Inschrift „Christus ist auferstanden von den Toten“ wird jedem zugesprochen, der durch dieses Tor geht oder auf seinem letzten Weg dort durch getragen wird. Das ist für mich das Größte und Wichtigste, was ich niemals als selbstverständlich erachten möchte: Dass ich so geliebt bin von meinem Herrn, dass er mich nicht vergisst auf dieser Reise, die wir Leben nennen. Weder unterwegs noch am Ende der Reise. Einer Reise mit einem wunderbaren Ziel.

Ihr Pastor Florian Bortfeldt