Andacht für den 25. Mai 2020 – Holger de Buhr (Westerstede)

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Was ist Wahrheit?

Was ist wahr? Wahr sind bestimmte Tatsachen. Termine, Menschen, defekte Geräte, Unfälle, Umweltverschmutzung, Fakten, Greifbares, Fassbares, Geschenke, Krankheiten, der Tod. Der Sänger Rio Reiser drückt das in einem bekannten Lied so aus:
„Es ist wahr, dass das Jahr über dreihundert Tage
in nur zweiundfünfzig Wochen schafft
Es ist wahr, es ist wahr, dass das Ausland
vielmehr Ausländer als Deutsche hat.

Aber sonst aber sonst: Alles Lüge, alles Lüge.
Selbst wenn Du mich fragst ob ich Dich liebe und ich sag ja
Weiß ich manchmal nicht genau ist das nun Lüge oder wahr.“

Und er fragt: „Oder ist da mehr oder ist da mehr?“
Was ist wahr? Das, was wir mit eigenen Augen sehen können? Was die Zeitung schreibt? Worte, die gesagt werden, sind die wahr? Oder gibt es da noch mehr? Dass viele bei der aktuellen Situation Angst haben? Oder dass die vielen Einschränkungen der letzten Wochen zur Entschleunigung beigetragen haben? Sind Fake-News wirklich so falsch? Ist da was dran – an den Mutmaßungen, dass hinter Corona ein großer Plan steht? Impfzwang, Beschneidung der Freiheit? Es gibt eine äußere Wahrheit und eine innere. An die äußere Wahrheit hält man sich fest, klammert sich an sie. Die ersten Christen haben es erleben müssen, dass sie bis aufs Blut verfolgt wurden. Dass man ihnen ihre Würde nehmen wollte. Es ging immer um das Äußere. Das, was man nicht sehen kann. Schlicht die Zugehörigkeit einer Gruppe reichte schon aus, um jemanden anzufeinden. Ihn als gefährlich einzustufen.

Im Grunde genommen heute nichts Anderes. Auch wir definieren uns über das Äußere. Über Funktion, über Status, Zugehörigkeiten. Selbst Gott wird in Gesetzen, Überlieferungen und Bestimmungen festgehalten. Aber ist das die Wahrheit? Jesus hat dagegen die Botschaft der Freiheit, der Menschlichkeit und der Liebe gerichtet und er hat der damaligen Religion der Äußerlichkeit einiges zugemutet. Wehe den Unruhestiftern, die dieses Festgelegte stören. Menschliche Freiheit ist für die Menschen, bei denen alles geordnet ist, immer etwas Fürchterliches und Angsteinflößendes. Jesus hat Unruhe gestiftet, die Ordnung durchbrochen. Mit Leidenschaft und verzehrendem Feuer, das brennen will. Das ist es, was in den leisen Worten des Johannesevangeliums mit „Geist der Wahrheit“ ausgedrückt ist.

Jesus wollte die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Die, die innerlich ist. Die, die wir ahnen, spüren und doch Tag für Tag unterdrücken, wegmachen, weil die Konsequenzen Angst machen. Denn diese Wahrheit würde unser Leben auf den Kopf stellen. Was wäre denn, wenn wir wirklich erkennen und sehen, was unsere Ordnung stören würde? Wenn unsere heile Welt aus den Fugen geraten würde? Wir tun uns schwer mit dem wahr-haben-wollen. Sehen, was wirklich ist. An Macht, dass der andere klein gemacht wird. Es gibt so viele Lügen, die jeder als seine eigene Wahrheit verkauft. So viel, was nur auf den eigenen Vorteil hin abzielt. An Manipulation, bei der die Wahrheit verdreht wird. An Neid und Häme, anderen das Gute nicht zu gönnen, an Jammern und Klagen, Und es gibt so viel Neid, anderen ein Glück nicht zu gönnen. An Wut und Unzufriedenheit.

Was ist nun wahr? Die ganze Wahrheit von Jesus war, dass Gott uns innerlich ist. Eingeschrieben in unser Herz, so dass man ihn nicht von außen lehren, verfügen und verordnen muss. Das einzige, was es dazu braucht, ist ein tiefes Vertrauen zu ihm. Es gibt kein anderes Reden, als das Vernehmen der leisen Sprache. Vieles davon ist nicht gerade angenehm. Aber wenn wir unseren Sinnen trauen würden, würden wir unendlich viel gewinnen. Es wäre ja einmal einen Versuch wert, sich vielleicht eine ganze Stunde vorzunehmen, alles ganz genau wahr zu nehmen. Innerlich wie äußerlich. Und es nicht zu bewerten, sondern so sein zu lassen, wie es ist.

Eine neue Sicht auf die Dinge! Auch das ist wahr. Die Wahrheit des Geistes. Unser Ureigenstes. Wir können von unseren Plätzen aufstehen. Wir können aber auch mit Würde aufstehen. Beides ist wahr. Und doch ist da noch mehr.

Ihr Pastor Holger de Buhr

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