Andacht für den 26. Mai 2020 – Regina Dettloff (Edewecht)

Download dieser Andacht als pdf  – zum Archiv der „Worte, die Mut machen“

Freiheit ist die der Andersdenkenden

„Weißt Du eigentlich, wie großartig das ist, das in unserem Land jede und jeder einfach alles sagen darf?“, das fragte mich dieser Tage jemand, als wir über Corona und Verschwörungstheorien sprachen. „Das ist doch das Großartige an unserem Land! Die Freiheit, die darin liegt!“

Und als ich später so darüber nachdachte, dachte ich: Stimmt! Wie schlimm muss das sein, wenn Menschen Ängste, Befürchtungen, wilde oder auch kluge Phantasien und auch quere Meinungen nicht aussprechen dürfen. Wenn ihnen das Wort verboten wird. Wenn einem für Kritik Gefängnis droht. Ja, die Freiheit, alles, wirklich alles – also auch Falsches, Dummes oder Beängstigendes – sagen zu dürfen ist etwas Kostbares; das muss ich einsehen. Und eine Gesellschaft, die die Größe hat, solcher Meinungsfreiheit Raum zu geben, muss stark sein. Ich jedenfalls bin froh, in solch einem Land zu leben und möchte nicht darauf verzichten … auch wenn es mir zuweilen Angst macht, was da alles so öffentlich und oft genug auch mit Gift und Galle vertreten wird.

Was sagt die Bibel dazu? Sie spricht viel von Freiheit. Und erzählt auch einige Geschichten davon, dass offenbar auch Gott etwas von Meinungsvielfalt hält. Von dem armen, frommen Hiob, dem wirklich völlig unverdient so viel Schlimmes widerfährt, lässt er sich die zornige Anklage gefallen. Mose verhandelt hart mit ihm, ob das abtrünnig gewordene Volk, das dem Goldenen Kalb gehuldigt hat, ausradiert oder ‚nur‘ bestraft gehört. Denn immerhin hatte ihm ja er, Gott selbst, nach der Sklaverei in Ägypten nicht nur Rettung, sondern die >Freiheit< versprochen. Jesus nennt als eine seiner Hauptaufgaben, den Gefangenen die Freiheit zu predigen; und er meint damit nicht nur die, die im Gefängnis sitzen, sondern vor allem die, die in sich selbst ‚gefangen‘ sind.

Und Paulus fügt dieser biblischen Sammlung dann den Gedanken an, den ich persönlich am schönsten finde:

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten.
Alles ist mir erlaubt,
aber nichts soll Macht haben über mich.
(Es steht im 1. Brief an seine Gemeinde in Korinth, Kapitel 6, Vers 12)

Das ist ein guter Maßstab: Können kann ich viel – aber dient das, was ich tue, dem Guten? Wo bin ich wirklich frei und wo hat etwas Ungutes Macht über mich?
Anders ausgedrückt: Ich darf nicht alles was ich kann, die Grenze die hier aufgezeigt wird, ist klar: Es geht um das Gute, die Liebe.

Wenn ich mir für mich die Freiheit nehme, eine Meinung zu haben – dann muss ich auch anderen die Freiheit zugestehen, eine andere Meinung zu haben; und diese auch zu äußern. Die Freiheit eines anderen zu beschneiden, dem anderen eine Meinung zu verwehren, ihm sogar mit Gewalt oder noch Schlimmerem zu drohen, da hört die Freiheit auf – das dient nicht mehr dem Guten.

Ich für meinen Teil möchte mit denen ins Gespräch kommen können, die eine andere Meinung haben, als ich. Ich glaube ja, dass hinter den Verschwörungstheorien Ängste wohnen, Gefühle von Ausgeliefertsein und von die-Welt-nicht-mehr-verstehen. Ich verstehe ja auch manches nicht, fühle mich in vielem ausgeliefert und auch Angst ist mir nicht fremd. Aber mir hilft dieser Maßstab: Was dient zum Guten?!
• Die Achtung vor der Würde eines jeden anderen Menschen z.B.
• Dass ich meine Freiheit nutze, um Schwächere zu schützen…
• wozu dann auch gehören kann, zeitweise Einschränkungen in Kauf zu nehmen
• Sich immer zu fragen: Was dient der Gerechtigkeit? Dem Frieden? Der Bewahrung der Schöpfung?
• Und zu versuchen, wachsam zu bleiben und auch zu benennen, wo Profit oder Macht, selbst ernannte Autorität oder Ideologie dabei sind, die Freiheit anderer zu beschneiden!
• Und, ja, mit Andersdenkenden zu REDEN!

Möge Gottes Geist uns alle zumindest so frei machen, dass wir mit einander ins Gespräch kommen können. Sollen ruhig die Fetzen fliegen – die Meinungen auf einander prallen. Aber lasst uns nicht aufhören, miteinander zu reden, Meinungen auszutauschen, gemeinsam nach guten Lösungen zu suchen und sie anzustreben. Vielleicht findet sich ein gemeinsamer Weg, auf den wir ohne Auseinandersetzung und ohne Zuhören und gemeinsames Fragen und Denken gar nicht gekommen wären … und das wäre ein SEGEN und diente doch bestimmt dem Guten, oder?

Ihre Pastorin Regina Dettloff

Kommentare sind geschlossen.