Andacht für den 27. Mai 2020 – Stephan Bohlen (Edewecht)

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Lupenreine Freude

Damals, als wir noch Kinder waren und das Leben ein großes Abenteuer; damals im Sommer, da haben wir draußen gespielt: Im Wald und auf den Feldern. Mit den Rädern waren wir im Moor unterwegs, haben auf dem Heuboden Höhlen gebaut, haben uns dort an Seilen durch die Lüfte geschwungen und uns ängstlich weggeduckt, wenn die Eule durch die Scheune flog – und wir haben mit der Lupe Feuer gemacht. Das war eine ganz besondere Magie, zu beobachten, wie das Licht durch die Linse gebündelt wurde und irgendwann fing es da, wo für eine Weile ein gleißender heller Lichtpunkt zu sehen war, an zu qualmen, bis eine zarte Flamme entstand, die gefüttert werden wollte, um zu wachsen.

Zu kokeln, das hatte schon immer seinen ganz besonderen Reiz.

Ein Spaß war es auch, im Schwimmbad oder anderswo, jenen Lichtpunkt einem anderen auf die Haut zu brennen… aber das sind andere Geschichten 😉

Das mit dem Brennglas, das das Licht zu bündeln und auf den Punkt zu bringen vermag, ist hier das, worum es geht: Denn irgendwer muss zwischen all den vielen Worten, die diese Krise auch hervorgebracht hat (und zu denen wir vom Kirchenkreis mit unseren Andachten alle Tage ein paar hundert weitere dazu beigetragen haben), gesagt haben, diese CORONA-Krise wirke wie ein Brennglas. Sie bringe auf den Punkt, was wichtig ist. Decke konzentriert auf, was klappt und was im Argen liegt. Da kann ich diesem Menschen nur Recht geben. Und Sie, liebe Leserin und lieber Leser, vielleicht auch. Diese Krise hebt hervor und vergrößert, was sonst unter dem Weichzeichner und Nebelwerfer des Alltags im Diffusen und Ungefähren verbleibt. Es bringt auf den Punkt und lässt aufflammen, wo es brennt. Und es lässt aufstrahlen, was zurecht ins helle Licht der Öffentlichkeit gehört, weil es richtig und gut und mitunter sogar richtig gut ist. Da gibt es viel, das da aufstrahlt.

Wie ein lichter Sternenhimmel in einer Sommernacht. Damals haben wir in mancher Sommernacht die Lupe aus der Hand gelegt und auf dem Boden gelegen und in den Himmel geschaut und gestaunt. So viele Lichter waren da zu sehen. So weit weg. Unendlichkeit war zu spüren. Ein ganz eigenes Gefühl beschlich einen da. Und so ist es auch, wo ich mich jetzt umschaue. Sicher: Das sind auch die Ausfälle. Komische Leute, die unmögliche Dinge tun. Ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Rücksicht auf den anderen. Aber das haben diese Leute schon immer so getan. Die können auch nicht aus ihrer Haut. Und ich will mich über die nicht ärgern.

Gerade in Zeiten wie diesen nicht. Ich schaue lieber auf die Lichter. Sehe mir die Schönheit der Sterne an. Die „Stars“ dieser Tage: Die Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind, in der Pflege, in den Rettungsdiensten, bei der Polizei und anderen Sicherheitsbehörden, die Männer und Frauen bei der Bundeswehr und bei zivilen Hilfseinrichtungen, die vielen ehrenamtlich Tätigen in den verschiedensten Bereichen, die ganz selbstverständlich auch jetzt für andere da sind, die Nachbarinnen und Nachbarn, die ein Auge auf ihren Nächsten haben, die Mitarbeitenden in den Kindertagesstätten, in Betreuungseinrichtungen und in den Schulen, die Küsterinnen und Küster, die lieben Menschen, die in den Kirchenbüros und in der öffentlichen Verwaltung arbeiten, die, die in den Reinigungsdiensten und -firmen tätig sind, die sauber machen und aufräumen, die dafür sorgen, dass Brot und Butter eingekauft werden können, dass das Auto funktioniert, das Dach dichthält und der Abfluss abläuft, alle, die ihren Dienst tun, damit unser Gemeinwesen auch in Zeiten wie diesen funktioniert…

Dabei sind oft die kleinen Dinge die Entscheidenden. Nicht das Laute, nicht der eine Mensch im Vordergrund, dessen Geschichte vielleicht in der Zeitung erzählt wird, ist wichtig, sondern die vielen, die hinter ihm stehen und das tun, was alle Tage – und auch in Tagen wie diesen – zu tun ist.

Mitunter braucht es ein Brennglas, um sie in den Fokus zu bekommen. Manchmal ist es die Lupe, die uns vor Augen führt, was zählt.

Es gibt so viele positive Beispiele, so viele Lichtpunkte, so viel Helles, das uns das Dunkel licht machen kann… Darauf lohnt es zu schauen. Das macht Spaß und schenkt Freude am Leben. Wie damals im Sommer…

… und vielleicht wäre es ja eine Idee, das Licht weiter zu reichen? Dafür braucht es nur ein lupenreines Wort: „Danke“.

Ihr Pastor Stephan Bohlen

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