Andacht für den 31. Mai – Lars Dede (Kreispfarrer)

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Mögen Sie Orangentee?

Ich mag ihn sehr. Und das hat mit Pfingsten zu tun. Vor einigen Jahren waren wir zum Wandern im Elsass. Leider spreche ich kein Französisch. Aber viele Menschen im Elsass sprechen Deutsch. Und so gab es keine Verständigungsprobleme. Nur einmal war es anders.

Den ganzen Tag hatten wir keinen Menschen gesehen. Doch als wir am Nachmittag kurz vor dem Ziel aus dem Wald auf die Lichtung traten, kam uns ein Mann entgegen. Der Förster, der seinen Wald inspizierte. Sein Haus stand nicht weit entfernt. Weil unser Wasservorrat zu Ende ging, sprachen wir ihn an. Aber er verstand uns nicht. Ein französischer Förster muss kein Deutsch verstehen und Englisch auch nicht. Macht nichts, dachten wir und zeigten ihm unsere leere Wasserflasche. Er verstand sofort, was uns fehlte. Und so gingen wir zu seinem Haus. Wenig später saßen wir mit seiner Frau an einem schön gedeckten Tisch im Wintergarten. Wir, die Wanderer aus Deutschland, waren zu Orangentee und Keksen eingeladen worden. Nach und nach haben wir doch ein paar Brocken Französisch hervorkramen können. Und unsere Gastgeber ein wenig Deutsch. Viel war es nicht, aber das war gar nicht wichtig. Wir haben uns auch so verstanden. Wir haben gelacht und die Gemeinschaft genossen, den Orangentee und die Kekse. Und das hat etwas mit Pfingsten zu tun.

Pfingsten feiern wir, dass Gott uns seinen Geist gesandt hat. Die Bibel erzählt in der Apostelgeschichte, dass Menschen aus allen Völkern unter dem Himmel zusammengekommen waren. Und als sie beieinander waren, geschah ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer und sie wurden erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, so dass sie einander verstehen konnten. Wie gerne wäre ich dabei gewesen. Das muss großartig gewesen sein. Ein Fest des Glaubens. Eine Inspiration, die ein ganzes Leben lang trägt. Von der wir heute noch erzählen. Das liegt aber gar nicht daran, dass das Ereignis damals so großartig war, sondern daran, dass der Geist Gottes auch heute noch in uns wirkt. Gottes Geist wirkt und setzt das fort, was Gott in Jesus getan hat. Menschen erfahren, dass sie von Gott gehalten und getragen sind, Menschen werden gestärkt und getröstet. Sie erfahren, dass der Glaube wächst, die Hoffnung aufblüht und die Liebe stärker ist als der Tod.

Gottes Geist führt in die Gemeinschaft und spart dabei keinen aus. Er überwindet Grenzen. Er begeistert und inspiriert uns. Durch ihn öffnet sich ein Tor zum Himmel. Ja, Gottes Geist ist die Verbindung zum Himmel.

Wir brauchen licht
um denken zu können
wir brauchen luft
um atmen zu können
wir brauchen ein fenster
zum himmel

hat Dorothee Sölle gedichtet. Ich glaube, dass Gottes Geist unser Fenster zum Himmel ist, zu Gottes Reich. Deswegen sind die Bilder, die von Pfingsten erzählen so groß und mächtig und so unverfügbar wie Feuer und Wind. Aber vielleicht noch wichtiger ist, dass dieser Geist auch ganz behutsam sein kann. Ehepartner, die den Zugang zueinander verloren haben, fangen wieder an sich füreinander zu interessieren. Sie brechen aus der Sprachlosigkeit aus und finden zu einem neuen Verstehen. Da ereignet sich Pfingsten. Da öffnet sich der Himmel. Die Witwe, die das Bibelwort auf dem Grabstein ihres Mannes liest und unter Tränen wieder lächeln kann, weil sie ihm auf einmal wieder ganz nah ist, spürt Gottes Geist. Und der Schüler, der sich in der neuen Klasse endlich eingelebt hat, spürt ihn auch.

Gottes Geist ist unter uns.

Manchmal sogar bei Orangentee und Keksen.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Pfingstfest.

Ihr Kreispfarrer Lars Dede

 

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