Ammerländer Impulse

So eine Zumutung! – 
von den Herausforderungen des Miteinanders

Kennen Sie das auch: Angegriffen zu werden aus heiterem Himmel. Noch dazu vor vielen Ohren. Zuerst wundert man sich. Das kann doch nicht wahr sein. Ich höre wohl nicht richtig. Zu merken, dass es doch wahr ist und dann zu spüren, wie der Blutdruck steigt, das Gesicht sich rötet, der Puls sich erhöht, die Atmung sich beschleunigt. Die eigenen Gedanken in Unruhe und Unordnung geraten, so dass einem nicht das richtige Wort einfällt, um dem Gesagten direkt und treffsicher zu begegnen.

Augenblicke später hört man sich sprechen und ärgert sich zugleich über das, was die eigenen Lippen da hervorbringen. Unsachlich und nicht so richtig treffend. Knapp daneben ist auch vorbei. Dann der entwürdigende Rückzug: Marke „Beleidigte Leberwurst“. Und das ungesunde Wissen darum, dass einen der Ärger über das Geschehen noch Tage oder Wochen begleiten wird. Vor allem, weil es keine Möglichkeit gibt, das erlittene und empfundene Unrecht und die mutmaßlich vielleicht sogar berechnend zugefügte Verletzung heimzahlen zu können. 

Und dann sitzt man in seinem stillen Kämmerlein und soll für den Sonntag feine Worte finden. Aber die finden zuerst einmal einen selbst: 

„Vergeltet Böses nicht mit Bösem“, muss ich da im Predigttext für den 05. Juli lesen, und:
„Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn.
Lebt mit allen Menschen in Frieden – 
soweit das möglich ist und es an euch liegt.“

Na, jedenfalls gibt es eine Hintertür: „Soweit das möglich ist und es an euch liegt“. Aber das steht ja alles unter dem Grundsatz, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Mist. Die Tür ist zu.

Gott mutet uns was zu. Vergeben zu können, ist so eine Zumutung Gottes. Oder ist das ein Zuspruch? Weil Gott es uns zutraut, einander vergeben zu können? 

Gott hat Zutrauen zu uns. Auch, einander zu vergeben und neu miteinander anzufangen. Und das nicht ohne Grund. Denn er selber befähigt uns dazu, indem er den Grund legt, der uns Halt und Haltung geben will: Seine Liebe.

Das klingt abstrakt. Und manchmal fühlt es sich auch so an. Da kann ich mir das nur sagen: Dass ich von Gottes Liebe gehalten bin. Genauso wie der Mensch, der mir das Leben momentan nicht gerade einfach macht. Wir beide stehen auf demselben Grund. Die Basis stimmt. Daran kann ich mich erinnern. Darauf kann ich schauen. Mich selber nötigen, das zu sehen: wie ich gemeinsam mit dem anderen in Gottes Hand aufgehoben bin.

Das hebt den Ärger nicht auf. Auch die Verletzung ist nicht sofort weg. Und die Wut und Scham auch nicht. Auch die Wallungen im Gedärm sind nicht verpufft. Und das stille Grollen im Hinterkopf auch nicht. Und doch beginnt sich, etwas zu bewegen.

Mitunter hebt einen das dann doch über sich hinaus. Bis hin zu der Basis, auf die ich schon gehoben bin. Ich darf über mich hinaus wachsen. Dahin, wo ich seit meiner Taufe ohnehin schon stehe: In Gottes Liebe, die mir letztlich helfen kann, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen. Wenn nicht jetzt, dann beim nächsten Mal. Denn Gott traut mir das zu: 

„Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn.
Lebt mit allen Menschen in Frieden –  soweit das möglich ist und es an euch liegt.“

Das zu können und aktiv zu leben, 

wünscht Ihnen und sich

Pastor Stephan Bohlen

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