Andacht für den 23. März 2020 – Holger de Buhr (Westerstede)

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Hatten wir wirklich gedacht, dass es immer so weitergeht?

 

In den vergangenen Monaten war es zu spüren: Ein großes Unbehagen bei vielen Menschen. In fast allen Lebensbereichen. Drohender Klimawandel, unsichere Renten, drohender Kollaps auf dem Immobilienmarkt, in der Wirtschaft. Das war vor der Corona-Epidemie. Jetzt sind wir mittendrin. Und es ist eine Frage der Zeit, wann alles anders sein wird. Es deutet sich an, dass kein Stein mehr auf dem anderen liegt. Dass sich von nun an vieles verändern wird, was keiner von uns zu diesem Zeitpunkt ahnen kann. Hatten wir wirklich gedacht, wir würden das schon alles im Griff haben?


Die meisten schienen es vergessen zu haben, dass wir ein Teil der Natur sind. Die Corona Ausbreitung führt es uns deutlich und hart vor Augen. Sie rüttelt an alle sicher geglaubten Fundamente. Und das schon seit geraumer Zeit bestehende Unbehagen geht bei vielen Menschen in Angst über. Wir stehen vor einer Zeitenwende. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh. 12,24). Für mich bekommt der Wochenspruch zum Sonntag Lätare jetzt eine besondere Bedeutung.

Er wirft in mir Fragen auf. Was bleibt vom Leben? Was bleibt im Leben, wenn wir leben? Es sind die winzigen kleinen Augenblicke – klein, wie ein Weizenkorn. Der verstorbene Roger Willemsen hat es so auf den Punkt gebracht: „Die Ewigkeit findet in diesen kleinen besonderen Augenblicken des Lebens statt. Und dafür lebt er. Aber das bedeutet auch, dass wir wachsam und aufmerksam durch die Welt gehen und diese Augenblicke nicht an uns vorüberziehen lassen. Wer stets an anderem festhält, wer denkt, dass alles unendlich ist in diesem Leben und es immer so weitergeht, wer ständig verschiebt und demnächst anfangen will zu leben, der spürt diese winzigen Augenblicke nicht.“

Jesus schlägt vor, so zu leben, wie ein Weizenkorn, das erst in die Erde fallen und sterben muss. Erst dann bringt es Frucht. Ein drastisches Bild, an nichts festhalten, sondern von allem loszulassen. Es ist ein Augenblick, in dem Jesus selber davon spricht, dass er angesichts des Todes erschüttert ist und Angst hat. Aber wenn wir vertrauen, dann werden wir mit jedem Atemzug anders sein, anders existieren, andere Menschen sein. Solange wir denken, dieses Leben auf der Erde muss man verteidigen mit Krallen und Zähnen, wird es immer eng bleiben. Die Angst vor dem Tod wird uns töten – ehe er uns physisch ereilt. Die Kraft, wirklich zu leben, wird uns genommen, indem wir immer hektischer, immer eingeschnürter darauf aus sind, nicht mehr zu leben. Sondern unser Leben zu sichern, abzusichern, zu versichern, rückzuversichern. Und je sicherer es ist, desto sicherer ist es tot.

Man wird das nur so übersetzen können, dass es für Jesus gleichgültig ist, wie lange man lebt, wie sicher und erfolgreich man ist. Denn so kommt man nie zum Wesentlichen, findet nie sich selber und kann in dem Grab, das er sich für sein Leben schaufelt, die Ewigkeit weder glauben noch überhaupt wünschen. Es geht ja um etwas Anderes: Dass man die Angst verliert. Auch vor dem eigenen Tod.“ Wer nur sich selbst sieht, wird einsam! Er verliert den Sinn des Lebens aus den Augen, hängt oft unrealistischen Vorstellungen an, anstatt zu sehen und zu tun, was Glück, Erfüllung und Liebe bringen kann. Nur wer sein „Ego“, seine Selbstvergötterung aufgibt, kann sich auf anderes, wichtigeres und höheres als sich selbst einlassen, ist zur Liebe fähig!

Man kann weitherzig werden, sagt Jesus. Großzügig. Und hier und da Sicherheiten aufgeben. Denn die Menschlichkeit zu leben, lohnt mehr als die vielen faulen Kompromisse. „Und so lang du das nicht hast, Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast, auf der dunklen Erde.“ (Goethe). Das kleine Weizenkorn kann für uns ein Bild sein, das zu verstehen. Wir selber mit unserem kleinen und engen Dasein, haben einander unendlich viel zu geben. Ein jedes bisschen Liebe, das wir entgegen aller Angst füreinander aufbringen, macht uns zum Brot – auf dem Weg in die Unendlichkeit. Im Lieben schenken wir uns, geben uns hin. Wir sterben ein wenig, um zu leben. Im Klammern an uns selbst lieben wir nicht.

Wir Menschen brauchen uns nicht einschüchtern lassen von dem Gehetze, der üblen Nachrede, dem Status und Erfolg. Leben ist Risiko, Liebe ist Risiko. Bewegen wir uns also aufeinander zu und miteinander fort! Die Corona-Krise kann für jeden von uns eine große Chance sein.

Ihr Pastor Holger de Buhr

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