Andacht für den 07. April 2020 – Thomas Perzul (Elisabethfehn)

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Heiße Ohren

 

So oft und so viel habe ich lange nicht telefoniert. Mit Menschen, die ich sonst im Ort sehe, mit anderen, die weit weg sind, oder mit Verwandten und Freunden, die ich eher selten anrufe. Ich habe jetzt ja Zeit und andere, liebgewonnene und alltägliche Kontaktmöglichkeiten verbieten sich leider. Gerade jetzt, wenn wir uns in unsere Wohnungen zurückziehen, tut es gut, eine freundliche Stimme zu hören, einander zu erzählen, was uns bewegt. In diesen Gesprächen geht es um Ängste und Hoffnungen. Wir sind wohl alle etwas empfindsamer, aufmerksamer für das, was im Leben wichtig ist. Es tut mir gut, davon zu erzählen und zu hören. Ganz besonders, da niemand sagen kann, was genau kommen und wie lange dieser Ausnahmezustand andauern wird.

Ist es nicht toll, dass wir so gute Kommunikationsmöglichkeiten haben? Uns per Telefon, Handy, Skype, Mail gegenseitig erzählen, trösten, Mut machen können? Oder mit den Andachten auf dieser Website? In unserer Gemeinde habe ich von vielen Menschen gehört: „Das tut richtig gut, das täglich zu haben!“

Es tut gut, hier zu lesen, Anrufe entgegen zu nehmen, Briefe zu öffnen – egal ob digital oder aus dem Briefumschlag.

Mir fällt eine weitere Möglichkeit ein: „Ruf mich an in der Not, so will ich dich erretten!“, heißt es in Psalm 50,15. Wenn sonntags die Glocken läuten, wenn viele Menschen am Abend Kerzen in die Fenster stellen, wenn ich einen Spaziergang in der Frühlingssonne mache – überall und immer kann ich Gott anrufen, zu Gott beten, ihm sagen, was mich gerade bewegt.

Ein Gebet lässt das Corona-Virus nicht umgehend verschwinden und beendet die Ungerechtigkeit in der Welt nicht schlagartig – die macht gerade in den Flüchtlingslagern ja keine Corona-Pause. Und doch verändert es mein Leben, gibt mir Kraft und verhilft mir zu neuen Perspektiven und Einsichten. Und wir können im Gebet auch füreinander da sein, wir können unsere Lieben, die Kranken, die Vielen, die helfen, die Menschen, die Not leiden, Gott ans Herz legen und für sie bitten: darum, dass Gott ihnen Kraft und Mut und Durchhaltevermögen schenkt beispielsweise. Ich stelle mir vor, wie sich durch unser gemeinsames Gebet, unser gegenseitiges Füreinander-Bitten ein unsichtbares Netz um die Erde spannt, durch das wir trotz räumlichem Abstand verbunden bleiben und Stärkung erfahren.

In dieser Karwoche 2020 wird uns wohl besonders deutlich vor Augen gestellt: Gott ist uns Menschen in unserer Not nahe und für uns da. Ich denke, wenn wir einen Ort suchen, an dem wir in diesen Tagen Gott finden können, dann sicher an einem Krankenbett, auf einer Intensivstation, in einem der vielen Flüchtlingslager… Und doch ist Gott immer auch ganz nah bei mir, nur ein Gebet weit entfernt. Auch von dieser Erfahrung dürfen wir erzählen, wenn wir Briefe schreiben, mal wieder zum Hörer greifen und telefonieren, bis der Akku in die Knie geht und die Ohren heiß werden.

Ihr Pastor Thomas Perzul

 

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