Andacht für den 10. April 2020 – Dr. Tim Unger (Wiefelstede)

Download dieser Andacht als pdf  – zum Archiv der „Worte, die Mut machen“

Gott ist ganz nah bei uns

 

2009 auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen. Ich bin nicht Dauergast. Ich nehme am Kirchentag nur einen Tag lang teil. Ohne Übernachtung.
Ich sitze vormittags in der Kirche Unser Lieben Frauen, nicht weit vom Dom. Nach einer Bibelarbeit soll es eine Podiumsdiskussion geben. „Ist Gott ein zorniger Gott?“ Diese Frage soll geklärt werden. Ich erwarte eine anregende Diskussion. Sicherlich mit einem Menschen, der es ablehnt, von einem zornigen Gott zu sprechen, und jemandem, der sagen will, dass Gott neben seiner Liebe auch den Zorn kennt.

Die Podiumsdiskussion beginnt. Leider ist es keine Diskussion. Denn einer der beiden Gesprächspartner ist krank geworden und nicht erschienen. Der anwesende Referent, ein Unternehmensberater aus der Schweiz, erzählt in blumiger Werbesprache, dass Gott natürlich zornig sei – über die Sünden der Menschen, über die Abkehr der Menschen von Gott. Er sagt des Öfteren: Wer Gott nicht auch für einen zornigen Gott hält, ist einfach dumm! Wie könne man nur anderer Meinung sein?
Ich frage mich: Ja, wie ist es eigentlich mit Gott? Ist er ausschließlich ein Gott der Liebe? Kennt er nicht so etwas wie einen heiligen Zorn? Über ungerechte Verhältnisse, über Unfrieden und Ungerechtigkeit? Und ich frage mich: Müsste Gott nicht auch über mich zornig sein? Zeige ich meinen Mitmenschen gegenüber genügend an Liebe und Mitgefühl? Oder bleibe ich nicht immer unter meinen Möglichkeiten?

„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu.“ Das lesen und hören wir heute im Zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther (5,19). Ja, die Welt hat sich von Gott getrennt. Auch ich lebe nicht so, wie Gott es von mir verlangt. Ich habe Schwächen, und selbst da, wo mir etwas gelingt, schaue ich nur auf mich. Aber Gott wird darüber nicht zornig. Er nimmt durchaus wahr, dass wir uns immer wieder von ihm wegbewegen, aber er lässt uns nicht los. Er achtet nicht auf das, was uns trennt, sondern schaut uns in Liebe an. In einer Liebe, die uns versöhnt! Wohlgemerkt: uns! Dass Gott in seinem Zorn versöhnt werden müsste, finden wir in der Bibel nicht! Wir, wir werden versöhnt! Gott geht auf uns zu und macht alles gut!

Karfreitag und Ostern feiern wir diese Versöhnung. „Gott war in Christus!“ Nicht ein allmächtiger Gott, den nichts beeindrucken könnte, ist unser Gott. Gott ist ein Gott, der im Kreuz bis an die Grenzen des Todes und darüber hinausgegangen ist. Christus nimmt unsere Schuld, unsere Angst, unsere Sorgen auf sich! Er will unser Leben teilen – und unseren Tod! Und deswegen teilen wir selbst im Tod das ewige Leben unseres Gottes.

Heute ist ein besonders stiller Karfreitag. Wir dürfen heute merken: Gott ist ganz nah bei uns, bei unseren Sorgen, Ängsten, bei dem, was uns gelingt, aber gerade auch bei dem, wo wir scheitern. Aber Karfreitag scheint auch schon Ostern durch: das Leben, das Gott uns geschenkt hat und schenken will. Christus ging bis ans Kreuz. Aber er lebt. Wir denken und handeln oft so, wie es Gott nicht will. Aber er rechnet uns das nicht an. Er sieht uns so, wie er uns sehen will: als seine geliebten Söhne und Töchter.

Ihr Pastor Dr. Tim Unger

Kommentare sind geschlossen.