Andacht für den 11. April 2020 – Meike von Kajdacsy (Westerstede)

Download dieser Andacht als pdf  – zum Archiv der „Worte, die Mut machen“

Distanz aushalten

 

nein, ich möchte nicht jetzt schon sagen: Morgen ist es ja vorbei, die Trauer, die Stille. Das ist doch immer so am Karsamstag. Wenn Karfreitag das Evangelium gelesen ist, kommt die Stille. Das Licht erlischt. Die Orgel schweigt. Am Ostermorgen dann ist alles wieder neu. Der Karsamstag ist ein ungeliebter Tag. Den muss man aushalten.
So ist der Karsamstag, still, verhalten und traurig. Aber er ist ein guter Tag. Er hilft zu realisieren. Ja, es ist wirklich so: Jesus ist gestorben. Trauerzeit, Abschiedszeit, Zeit der Distanz. Die gilt es zu gestalten.

So mag es damals gewesen sein: Jesus wird in das Grab gelegt, so berichten die Evangelien. Die Frauen sitzen da, sehen, wo sein Ort sein wird. Vielleicht entsteht hier die Idee, Jesus zu salben und ihm noch einmal ganz nah zu kommen, bevor das Grab für immer verschlossen bleibt. Sie nehmen Abschied, Schritt für Schritt. Sie bereiten Öle für die Salbung vor. Dann ist Sabbat, Ruhetag. Sie halten aus. Das gehört zum Abschied, Nähe suchen, Liebe erweisen und aushalten.

Karsamstag, Zeit der Distanz. Unser Karsamstag ist in dieser Zeit hart. Wir können uns nicht mit weltlichen Vergnügungen ablenken und es gibt heute auch kein Osterfeuer. Viele sind in diesen Tagen allein oder getrennt von ihren Lieben. Das spüren wir. Es ist wohl auch nicht so viel für Ostern vorzubereiten wie in anderen Jahren. Nehmen wir diese Zeit doch ernst! Sie ist Krisenzeit. Sie bietet Möglichkeiten der Wandlung. Die Wandlung gehört zu jedem Abschied, jeder Trauer und auch zu jeder Krise. Sie braucht ihre Zeit. Nähe suchen, Aushalten und Liebe erweisen, so gestalten wir den Karsamstag auch.
Nähe zu suchen, wenn die anderen fern sind, Aushalten und Liebe erweisen, davon schreibt Dietrich Bonhoeffer am Heiligabend 1943 aus dem Gefängnis an seine Verlobte:
„Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren. …Vom ersten Aufwachen bis zum Einschlafen müssen wir den anderen Menschen ganz und gar Gott befehlen und ihm überlassen, und aus unseren Sorgen um den Anderen Gebete für ihn werden lassen.“

Die Frauen an Jesu Grab wissen davon noch nichts. Sie brauchen noch Zeit, Karsamstag-Zeit, um mit der Lücke zu leben, die Jesus hinterlässt. Symbol dieser Lücke ist für mich das Kreuz. Dass durch das Kreuz echte Gemeinschaft entsteht, dazu muss erst Ostern werden. So lange suchen die Frauen Jesu Nähe auch in der Distanz. Sie halten aus, ohne zu wissen, wie lange. Sie erweisen ihre Liebe, ohne einer neuen Begegnung gewiss sein zu können. Für sie ist noch nicht Ostern, nicht für sie und nicht für uns. Die Lücke bleibt und die Gemeinschaft mit Jesus. Die Lücke bleibt und die Gemeinschaft mit unseren Lieben, denn im Kreuz kommt Gott uns am Nächsten.

Ihre Pastorin Meike von Kajdacsy

Kommentare sind geschlossen.