Andacht für den 15. April 2020 – Lina Kohring (Wiefelstede)

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Applaus, Applaus

Montagabend, 19.00 Uhr. Mein Mann und ich ziehen uns schnell unsere Schuhe an, werfen uns die Jacken über und stellen uns an die Straße. Dort treffen wir – natürlich mit zwei Meter Abstand – unsere Nachbarin. Und dann? Applaus! Kein tosender Applaus mit 1.000 Leuten und Jubelschreien. Ein kleiner Applaus. Drei Menschen, eine Hauptstraße, in der um 19.00 Uhr gar nicht mehr so viel los ist und sechs klatschende Hände. Und doch passiert da was.

Eine junge Frau kommt vorbei, klatscht uns auch zu, bleibt kurz gerührt stehen und flüstert uns im Weggehen zu: „Wissen Sie, ich bin Ärztin…“ Und schon ist sie weitergegangen. Wir gucken uns mit aufgerissenen Augen an und applaudieren ihr doppelt so laut hinterher, bis sie in die nächste Straße einbiegt.

Ein Bus rauscht vorbei. Erst denken wir, der Busfahrer sieht uns gar nicht. Doch dann erkennen wir, wie er ganz stolz eine leichte Verbeugung in seinem Sitz macht und dabei königlich seine Hand schwenkt.

Nebenan wurde gerade ein neues Haus gebaut und die ersten Leute sind schon eingezogen. Da merken wir auf einmal, dass wir nicht mehr nur zu dritt klatschen. Oben am Balkon des neuen Hauses steht ein Pärchen und klatscht mit. Einfach so.

Autofahrerinnen der Diakoniesozialstation hupen uns zu, spazierende Familien klatschen zurück, Handwerker-Bullis auf dem Weg nach Hause winken. Und ganz nebenbei erzählt unsere Nachbarin uns, wie ihr Tag so war, dass sie mal sehen muss, wie sie ihre Firma über die Runden bekommt und dass sie froh darüber ist, wenigstens mit ihrem Hund noch ab und zu raus zu können.

Montagabend, 19:10 Uhr. Gerade fuhr noch ein Bus vorbei. Ein letzter lauter Applaus. Dann winken wir unserer Nachbarin und gehen wieder ins Haus: „Tschüss Moni, bis morgen!“

„Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7) – Herzen gehen auf, Menschen lassen sich anstecken, lassen sich begeistern und – wir stehen Dienstagabend wieder an der Straße.

Und Mittwoch.

Und Donnerstag…

In diesen Tagen hören wir viel vom Geist der Furcht. Viele Sorgen. Viele Ängste. Vielleicht auch viel Einsamkeit. Und das zurecht. Ein Virus dessen rasante Ausbreitung dazu führt, dass Krankenhäuser im Elsass entscheiden müssen, wen sie noch beatmen und wen nicht – natürlich lässt dieser Virus uns manchmal verzweifeln. Eine Kontaktsperre, die selbst Partnerschaften entzweit, weil der eine in Hamburg wohnt und die andere in Oldenburg – natürlich lässt diese Kontaktsperre uns manchmal traurig zurück. Geschlossene Moscheen, Synagogen, Kirchen – natürlich lassen uns diese Schließungen nicht kalt. Zum Glück!

Aber ich erfahre, sehe, spüre, dass da noch mehr ist. Dass dieser Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit stärker ist als die Furcht. Nicht nur, wenn wir abends Applaudieren. Auch, wenn ich sehe, dass auf Instagram Kerzen angezündet werden für Menschen, die unser Gebet gerade besonders brauchen. Wenn von Seelsorgerinnen und Seelsorgern des Kirchenkreises Ammerland täglich Andachten zu lesen sind, die Kraft geben und Mut machen. Wenn die Losungen „für junge Leute“ folgende Worte anbieten, die geschrieben wurden als Corona für uns ein Fremdwort war, das keine Bedeutung hatte:

„Vernetzt – fern und doch ganz nah.
Verlinkt – egal, wo du geboren bist.
Vereint – wenn auch verschieden.
Verbunden – in Christus.“

Dienstagabend, 19.00 Uhr. Mein Mann und ich ziehen uns schnell unsere Schuhe an, werfen uns die Jacken über und stellen uns an die Straße. In meinem Kopf schwirren noch die Worte von 2. Timotheus 1 herum: „Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Und dann? Applaus.

Ein passendes Lied haben die Sportfreunde Stiller geschrieben: „Applaus, Applaus“, wer mag, kann ja mal reinhören.

Ihre Vikarin Lina Kohring

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