Andacht für den 17. April 2020 – Kerstin Falaturi (Zwischenahn)

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Die Spannung ertragen

Letzte Woche Donnerstag, 09. April, in St Peter im Vatikan. Es ist Gründonnerstag. Der Papst steht am Lesepult seiner riesigen Kirche. In den Bänken sitzen nur einzelne Menschen in Ordenskleidung, in erster Linie spricht er für die Kamera:

„Heute will ich den Priestern nahe sein… Wir sind gesalbt vom Herrn. Gesalbt, um die Eucharistie zu feiern. Und gesalbt, um zu dienen… Ich denke an Priester, die ihr Leben dem Herrn hingeben. Priester, die Diener sind. In diesen Tagen sind mehr als sechzig Priester hier in Italien gestorben, weil sie sich in der Corona-Krise um die Kranken, die Ärzte und Helfer gekümmert haben. Sie sind die Heiligen von nebenan. Priester, die dienend ihr Leben gegeben haben.“Da liegen Menschen isoliert, getrennt von ihren Angehörigen und sie sterben. Sie sterben alleine. Das Schreckliche in dieser Pandemie ist ja, dass Hand-Halten und Dabei-Sein plötzlich zum „no-go“ werden. Näher heran dürfen nur Befugte in Schutzkleidung. Und auch die sind nicht nur überfordert, sondern auch noch gefährdet. (Stand in Italien am 7. April: 94 verstorbene Mediziner, 26 tote Krankenpfleger).

Dann gibt es Priester, die gehen dort hin, die sind da, für Ärzte, Pflegende und Sterbende. Obwohl es für sie lebensgefährlich ist geben sie Beistand. Eine Form der Begleitung, die viele mit ihrem eigenen Leben bezahlt haben.

Ich muss sagen, das hat mich tief berührt. Neben den Ärzten und Pflegekräften, die auch tagtäglich ihr Leben riskieren, sind oder waren da Menschen, die sich der Krankheit entgegengestellt haben, um Gottes Liebe zu den Menschen in dieser Situation erfahrbar zu machen: Die alten Männer aus der katholischen Kirche.

Ansteckende Krankheiten gab es auch schon zu Jesu Zeiten. Aussätzige z.B. mussten getrennt von den anderen Menschen irgendwo für sich leben. Es gab Kolonien von Aussätzigen, die sich mehr schlecht als recht abseits der Gesellschaft durch den Rest ihres Lebens schlugen. Man durfte sie nicht berühren. Natürlich nicht! Sie waren ja ansteckend, so viel hatte man damals auch schon verstanden. In Lukas 17 begegnen zehn aussätzige Menschen Jesus. „Die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen“, steht dort. Mindestens zwei Meter Abstand! Die biblischen Aussätzigen halten sich an die Regel. Und Jesus heilt sie – einfach so von ferne. Sie dürfen sich den Priestern zeigen, dann sind sie rein. An einer anderen Stelle berührt Jesus einen Aussätzigen mit der Hand (Lk 5,13) und auch er wird gesund. Zwei Heilungen, eine aus der Distanz, nur durch das Wort, eine mit körperlicher Berührung.

Ich bin unglaublich beeindruckt von unserer Regierung, von dem Krisenmanagement, das hier in Deutschland bisher betrieben wurde. Ich bin auch überrascht von uns allen, die wir uns an die Abstandsregeln halten. Ich bin gerührt, dass wir so umfangreich aufeinander Rücksicht nehmen, gerade um einander in dieser Situation zu schützen. Wie viel Menschenliebe in dieser Distanz steckt! Wie kreativ die Menschen werden, um sich trotz körperlichem Abstand in irgendeiner Form nahe zu sein und sich zu unterstützen.

Trotzdem wünsche ich mir so sehr, wir könnten leibhaftig hingehen und da sein, wo wir gebraucht werden!

Trotzdem wünsche ich mir, dass ein Licht am Himmel erscheint:
Ein Blitz, ein Engel oder auch nur eine Taube, dass Gott eingreift und die Gefahr dieses Virus’ wegnimmt!

Trotzdem wünsche ich mir, dass Gott endlich spricht:
Mit einem großen Donner vielleicht oder auch nur durch ein leises Säuseln.
Ist das naiv?
Möglicherweise.
Not lehrt beten, heißt es.
Ja, sicherlich beten wir, aber, in erster Linie sind wir vernünftig.
Von Gott erwarten wir keine Wunder, nur vielleicht ein bisschen distanzierte Begleitung.

Inzwischen ist es Ostern geworden – bei uns und auf der ganzen Welt. Und auch die Ostertage sind still dahingegangen.
Hat Ostern etwas verändert… damals… heute?

Da ist der auferstandene Christus: Der Sohn Gottes, der zu den Menschen gekommen ist um ihnen nahe zu sein. Ihn hat diese Nähe das Leben gekostet.
Und trotzdem: Auch an diesem stillen Osterfest feiern wir seine Auferstehung.

Halleluja! Er ist auferstanden!

Das macht Hoffnung: Sein Weg führt durch den Tod ins Leben. Möglicherweise ist das etwas, was vielen Menschen in diesen Tagen Halt gibt. Auch wenn sie es nur über Internet, Funk und Fernsehen hören können.

„Heute will ich den Priestern nahe sein“ hat der Papst am Gründonnerstag gesagt. Er kann ihnen körperlich gar nicht nahe sein. Auch hier geht es nur um eine Gemeinschaft im Herzen oder im Geist. Und trotzdem schauen sehr viele auf den Papst: Was er jetzt sagt, was er tut, gibt sicherlich vielen Hoffnung. Und dass da jemand ist, der Hoffnung gibt, das betrifft natürlich nicht nur ihn, sondern auch die Geistlichen unserer Kirche, die jetzt neue Wege für das Wort Gottes suchen.

Das Virus breitet sich derweil weiter aus. Jetzt zum Beispiel auch in den Entwicklungsländern. Oft gibt es dort nicht einmal genug Wasser zum Hände waschen. Wir sollten etwas tun, helfen! Wann waren wir schon einmal so hilflos?

Die Spannung bleibt – unerträglich.

Ihre Pastorin Kerstin Falaturi

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