Andacht für den 18. April 2020 – Heike-Regine Albrecht (Westerstede)

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Die Spannung ertragen

Gibt es das, die Rettung aus einer Gefahr durch eine Gefahr? Kann uns die Corona-Krise vielleicht Wege aufzeigen, wie wir uns vor künftigen gleich großen oder sogar noch größeren Krisen wie einem Klima-Kollaps retten können?

Das Helle – es braucht keine Hoffnung. Hoffnung, sie wird immer aus dem Dunkeln geboren und das Licht, es entfacht auch nur im Dunkeln seinen besonderen Schein und seine Wirkung. Wir haben jetzt eine Krise und viele sehen gerade sehr schwarz. Aber wir erleben auch schon die vielen kleinen Lichtzeichen, die uns Hoffnung machen. Von den kleinen Gesten des Klatschens wie den größeren Gesten wirtschaftlicher Hilfen und das gemeinsame politische Handeln, soweit es eben im Moment möglich ist. Durchhalten ist das Gebot der Stunde. Wir sind nämlich noch nicht durch. Wir sind noch mittendrin. Darum, lasst uns nicht Angst haben, sondern Hoffnung. Und Vertrauen. Das Licht der Osterkerze – es leuchtet uns.

Ein Licht markiert auch in der Erzählung „Der Bergkristall“ von Adalbert Stifter die Wende vom Dunkeln zum Licht, vom Tod zum Leben, von der Angst zur Hoffnung.

Die Erzählung spielt am Heiligen Abend: Zwei Bergdörfer, Gschaid und Milsdorf, sind durch einen Berg voneinander getrennt. Die Bewohner der beiden Dörfer betrachten sich als Fremde. Dessen ungeachtet hat der Schuster aus Gschaid die Färberstochter aus Milsdorf geheiratet. Das Ehepaar hat zwei Kinder, Konrad und Sanna. Am Heiligen Abend schickt die Mutter Konrad und Sanna zu den Großeltern in Milsdorf, um ihnen Weihnachtsgrüße und -geschenke zu übermitteln. Dazu gehen die Kinder über den beide Dörfer trennenden Gebirgspass. Die Großmutter schickt ihrerseits die Kinder so rechtzeitig auf den Heimweg, dass sie vor Einbruch der Dämmerung wieder daheim sein müssten.

Auf dem Heimweg aber geraten sie in dichten Schneefall. Auf dem Gebirgspass verirren sie sich, finden auch nicht den gewohnten Wegweiser: eine rote Säule, die dort als Mahnmal für einen tödlich verunglückten Wanderer steht. Anstatt talwärts zu gehen, irren die Kinder hinauf in die nackte Fels- und Eisregion. Als es dunkel wird, suchen sie unter einem Felsendach Zuflucht. Sie essen die von der Großmutter eingepackten Brote und die Leckerbissen auf und halten sich mit dem Kaffee wach, den sie ihrer Mutter bringen sollten, denn Konrad erinnert sich, wie der Vater einmal erzählte, dass man in so einer Situation nicht einschlafen dürfe, sonst erfriere man wie der alte Eschenjäger, der einschlief und vier Monate tot auf einem Stein saß, bis man ihn fand.

So sitzen sie. Konrad, der ältere der Geschwister, ist überwältigt von den Natureindrücken. Die Kinder hören das Eis krachen; das ist der Moment, der sie beide rettet. Das krachende Eis, es ist eine abgehende Lawine weiter weg, ein Zeichen für drohendes Unheil. Dieses Knacken und die Gefahr der Lawine, die eigentlich ein Unglück bedeuten, ist es, was die Kinder vor dem Einschlafen rettet, denn nun sind die beiden, die schon fast eingeschlafen waren, wieder hellwach. So hat ein drohendes Unheil sie vor einem anderen Unheil bewahrt, der für die beiden Kinder den Tod bedeutet hätte: das Einschlafen in dieser Kälte. Das Knacken der Lawine hat sie wach gemacht und bewahrt.

So kann uns die Corona-Krise auch wach machen für die Empfindlichkeit unserer Welt, unserer Gesellschaften. Lasst uns also nicht einschlafen, sondern wach bleiben!
Stifter erzählt, dass Konrad und Sanna dann am Nachthimmel ein Nordlicht bestaunen, welches sich am Himmel zeigt. Das Licht, welches die Wende markiert von der Bedrohung der Kinder zu deren Rettung.

Bei Einbruch der Morgendämmerung brechen Konrad und Sanna auf, um einen Weg talwärts zu finden. Auch aus den beiden Dörfern Gschaid und Milsdorf waren inzwischen die Männer aufgebrochen, um nach den Kindern zu suchen. Sie finden sie schließlich und fahren sie auf dem Schlitten heim. Im Elternhaus treffen sich aus großer Freude und Erleichterung darüber alle Freunde und Nachbarn, sogar die Großmutter aus Milsdorf ist angereist. Die Eltern haben ihre Kinder wohlbehalten zurück. Die Kinder sind nach der Todesgefahr im Gebirge nun wieder unter den Lebenden. Die Bewohner der beiden Dörfer hat diese gemeinsame Rettungsaktion verbunden und sie betrachten einander nicht länger als Fremde.

Gefahr und Dunkelheit – Licht und Rettung – Jubel und Versöhnung. In dieser Erzählung finden sich Motive unserer christlichen Feste wieder: Die Todesbedrohung der Kinder – Karfreitag. Das Auffinden und die Wiederkehr der Kinder – Auferstehung, Ostern. Das gemeinsame Handeln der eigentlich verfeindeten Dörfer. Sie sprechen angesichts der Gefahr eine Sprache, verstehen einander – Pfingsten.

Rettung vor einer Gefahr durch eine Gefahr. Diese Hoffnung möchte ich haben, dass wir aus dieser Corona-Krise gereift hervorgehen, dass wir begreifen, dass wir EINE Welt sind, dass wir aus dieser Krise für zukünftige Krisen lernen und uns vorbereiten. Dass wir nicht Sündenböcke suchen, sondern dass wir einander an einem Strang ziehen, die Krise zu bewältigen. Ob arm, ob reich, ob Kommunist oder Kapitalist, ob Muslim oder Christ oder Atheist, gemeinsam handeln, eine Sprache sprechen, einander helfen. Miteinander klug und weise und vorausschauend handeln. Nicht nur im Hinblick auf Corona, sondern im Hinblick auf alle Krisen, die da noch kommen werden. Es ist eine Sache des Blickwinkels, globale Geschehnisse und die Geschehnisse unseres Lebens zu betrachten und zu deuten. Wir sehen jetzt, dass wir durchaus zu Anstrengungen und Veränderungen fähig sind. Ohne die jetzige Situation schön reden zu wollen, bin ich doch gespannt, welche Lehren wir ziehen werden und was sich vielleicht auch alles Positives aus dieser Krise heraus entwickelt.

Konrad und Sanna sahen ein Licht. Ein Polarlicht. Dieses Licht brachte die Wende. Die Rettung. Die Heimkehr.

Die Gefahr für die Einen bedeutet die Fürsorge der anderen. Wie Konrad und Sanna, die in Gefahr waren und von den Dorfbewohnern gesucht wurden. Das Dunkle kann das Helle gebären, es kann Versöhnung herbeiführen. Wie es bei den beiden Dörfern in der Geschichte geschah. Das Unheil kann zum Heil werden – wenn Gottes Licht leuchtet. Auferstehung ist kein Mirakel. Lasst uns wach bleiben!

Ihre Pastorin Heike-Regine Albrecht

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