Andacht für den 29. April 2020 – Sandra Hollatz (Zwischenahn)

 

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Die Zeit der Schafe

Der Sonntag Miserikordias Domini ist den Schafen gewidmet. Und dem guten Hirten. Oft steht in Video-Gottesdiensten und Andachten im Internet der 23. Psalm im Mittelpunkt und der Versuch, die Schafe der Jetztzeit zum Vertrauen zu ermutigen: diese Schafe sind wir alle, die Jetztzeit ist die Corona-Krise und der gute Hirte ist … immer noch und zuallererst Jesus.

Dann aber davon abgeleitet werden gern auch Eltern oder Pastorinnen und Pastoren oder Politiker genannt. Oder abstrakter: unsere Werte-Gemeinschaft. Auch diesen Hirtinnen und Hirten gilt es nun zu vertrauen. Hm. Da ich gerade wenig als Hirtin unterwegs bin, fühle ich mich den Schafen näher. Insbesondere denen, die lieber ein wenig weiter hinten stehen oder am Rand. Nein, keine verlorenen oder verloren gegangenen Schafe. Dazu geht es uns wahrlich viel zu gut. Aber doch die, die nicht so schnell begreifen und folgen wollen. Die ein bisschen widerspenstiger sind und immer noch eine Extra-Einladung brauchen – ich geb´s zu: Ich hadere gern und tu mich manchmal schwer mit dieser Welt, ihren Hirten und dem Herden-Dasein.

Und vielleicht geht es Ihnen oder dir auch so: wir tun uns etwas schwer damit, nicht nur im schwedischen Möbelhaus (das ja noch geschlossen hat), sondern jetzt auch bei Rewe, im Gartencenter und sonst wo geduzt und per Ansage auf eine Corona-Schicksalsgemeinschaft eingeschworen zu werden.

Wir tun uns etwas schwer damit, die Befehle zu befolgen, die zum Teil per Klebeband auf den Boden abgelesen werden müssen: „Wartebereich“ – und das vor einem Blumengeschäft… mäh?!

Wir tun uns etwas schwer damit zu begreifen, warum ein namhafter Sportartikel-Hersteller erst damit kokettiert, keine Miete mehr zahlen zu wollen für seine Filialen (im Gegensatz zu tausenden von privaten Mietern) und dann bei knapp 70.000 Mitarbeitern weltweit über 2,4 Milliarden Euro (=2400 Millionen!) Kredit von der KfW bewilligt bekommt plus Kurzarbeitergeld, zum Vergleich: Ähnliches dürfen die Reinigungsfirmen mit 700.000 Beschäftigten hierzulande nicht erwarten.

Wir tun uns etwas schwer damit einzusehen, dass die kleinsten und schwächsten Schäfchen, nämlich die KiTa-Kinder und Kinder mit Einschränkungen „als letztes drankommen“, sprich Monate lang ohne Sozialkontakte zu anderen Kindern und Erzieherinnen und professionelle Unterstützung auskommen müssen.

Wir tun uns leichter damit, diese Pandemie als Umweltkatastrophe anstatt Naturkatastrophe zu verstehen, ausgelöst durch den rabiaten Umgang des Menschen mit den letzten Rückzugsgebieten der Natur. – Das ist doch alles nicht das Gleiche?

Das darf man nicht so miteinander in einen Topf werfen? Ich sage ja: Schafe! Sie sind stur. Die machen sowas. Ich glaube aber auch, dass unser Herr und guter Hirte auch die Störrischen liebhat und uns einlädt an seinen Tisch im Angesicht unserer Feinde, unser Haupt mit Öl salbt und uns voll einschenkt.

Ihre Hirtin / Ihr Schaf Sandra Hollatz

 

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