Andacht für den 06. Mai 2020 – Michael Kühn (Westerstede)

 

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Frieden finden

Die damals Kinder waren und heute noch leben, werden in diesen Tagen an ihre Kindheit vor 75 Jahren erinnert. Hier im Ammerland lagen Schrecken und Tod manchmal ganz dicht neben Orten eines friedlichen Endes des 2. Weltkrieges. Während das Westersteder Dorf Halsbek bis auf wenige Häuser in Schutt und Asche geschossen wurde, gingen Ärzte aus dem damaligen Gemeindekrankenhaus unter Lebensgefahr mit einer weißen Fahne den anrückenden Panzern entgegen.
Am 3. Mai 1945 wurde Westerstede als Lazarettort kampflos von polnischen und kanadischen Truppen besetzt. Drei Probeschüsse in die Stadtmitte, einer davon traf die Mauer der St.-Petri-Kirche, zwei Jungs schützten sich auf der Rückseite der Kirche, kein Widerstand, dann war Schluss. Mit Ausnahme von Halsbek haben auch die Dörfer der Gemeinde kaum unter Kampfhandlungen gelitten.

Da die polnischen Soldaten sich vermutlich nicht vorstellen konnten, dass ein Pfarrer Kinder und Familie hat, besetzten sie unter Schüssen in die Luft die Alte Pastorei. Die Pfarrerstöchter liefen schreiend aus dem Haus.
Schon im März 1945 hatten die ersten Flüchtlinge den Ort erreicht. In der Folgezeit wurde die Gemeinde ein starkes Aufnahmegebiet für die aus den Ostprovinzen Deutschlands geflüchteten oder vertriebenen Landsleute. Die Einwohnerzahl stieg sprunghaft von etwa 10.000 auf 16.000.

Als Pastor wurden mir viele Erlebnisse erzählt. Und ich habe großen Respekt vor den Menschen und ihren Erfahrungen, die ihr Leben geprägt haben. Ich erinnere mich an viele altgewordene Westersteder, ihre Erinnerungen an jüdische Mitschülerinnen, an den Mann, der als 14jähriger einsam zwei Soldaten beerdigt hat, die in seinem Garten in Pommern gefallen waren, an den Mann, der als Einziger seiner Familie den Untergang der Gustloff als Kind erlebt hat, an die Frau, die in der Nähe des ostpreußischen Nemmersdorf gelebt hat, erschüttert war über die Darstellung der Ereignisse durch die deutsche Propaganda und sich erst im hohen Alter getraut hat, darüber zu reden. Ich denke an Männer und Frauen, die Bombenangriffe oder Hunger, Flucht oder Vertreibung miterleben oder tote Ehepartner, Geschwister, Kinder oder Eltern beweinen mussten, oft ohne einen sichtbaren Ort der Trauer, ein Grab zu haben.

Die Tageslosung steht bei einem jüdischen Heilspropheten, bei Jesaja (Kap. 42,16): „Ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen und das Höckerige zur Ebene.“ Und bei dem Arzt und Evangelisten Lukas (1,78-79) lesen wir heute: „Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“

Als Seelsorger gebe ich den Erinnerungen Raum und äußere meinen großen Respekt vor den Menschen und ihren Finsternis-Erlebnissen im „Schatten des Todes“. Zwei Tagebücher deutscher Landser liegen vor mir aus ihrer Zeit ab Juni 1941. Manche ehemaligen Soldaten haben erst im Alter das Geschenk der Beichte kennengelernt und sind wirklich aus dem „Schatten eines lebenslangen Todes“ in wenigen Schritten im Namen Jesu Christi auf „den Weg inneren Friedens“ gelangt. (Ev. Gesangbuch 806.6)

Und dann höre ich, manchmal versteckt oder voller Scham, große Dankbarkeit für allen Schutz und alle erfahrene Bewahrung durch eine stärkere Macht, höre vom Segen Gottes und von den damals noch ungeahnten Kräften, die das weitere Leben bis ins hohe Alter getragen haben.

Ich ermutige gern dazu, die Erlebnisse aufzuschreiben und gleichzeitig festzuhalten, was das eigene Leben gestärkt und wieder mit neuer Lebensfreude erfüllt hat: „Nicht die Toten loben den HERRN …“ (Psalm 115,17). Die Überlebenden können höchstpersönlich von ihrem Weg zum Glauben, von Bewahrung „im Schatten des Todes“, von Rettung aus der Finsternis und Stärkung der eigenen Seele erzählen.

Ihr Pastor Michael Kühn

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