Andacht für den 12. Mai 2020 – Stephan Bohlen (Edewecht)

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Singen vermisst – Gemeinschaft gesucht

Es mutete schon ein bisschen wie Realsatire an,
dass wir ausgerechnet an „Kantate“ (Singet!), einem Sonntag,
der uns zum lauten und frohen Singen und Musizieren ermuntern soll,
das erste Mal nach langer Zeit wieder zum Gottesdienst treffen durften.
Doch singen war verboten. Auch die Bläser hatten keine Chance.
Man saß auf Abstand. Schaute in – durch den Mund-Nase-Schutz – vermummte Gesichter.

Kantate! – Singet dem Herrn ein neues Lied!

Noch befremdlicher wirkten dann die Worte,
die von der Einweihung des Tempels zu Salomos Zeiten erzählten.

Von lautem Gesang aus vielen hundert Mündern war da zu hören.
Vom Schall der Trompeten, und dem Klang vieler anderer Instrumente.
Und alles zum Lobe Gottes: »Der HERR ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!«,
bis die Herrlichkeit Gottes den Raum erfüllt.
Körperlich wahrnehmbar. Zu sehen und zu spüren. Und doch nicht zu fassen:
Wie eine Wolke. Ein herrlicher Moment.

Vielleicht kennen auch Sie das,
das Gefühl in eine solche Wolke einzutauchen – mag sein vor allem im Zusammenhang mit Musik.
Wo uns Musik zu Herzen geht, da mögen wir das spüren: Wie uns das Herz aufgeht.
Die Musik Teil von uns wird und wir ein Teil der Musik.
Raum und Zeit verlieren ihre Bedeutung. Alle Sorgen und Ängste, all der Ballast des Alltags ist vergessen.
Da ist nur noch Klang, nur noch der Moment,
Empfinden, Glück, Lebensfreude.
Das muss keine Bachkantate sein, kein Oratorium, keine Symphonie, keine Oper. Das kann ein Schlager sein.
Irgendein Song irgendeiner Band. Egal welcher Richtung. Jeder und jede von unshat da so seine und ihre Favoriten.
Bei mir ist es U2. Ob aus der Konserve oder – noch besser – live: Da vergesse ich, was um mich ist. Bin nur noch in der Musik.
Im Augenblick. Heilige Momente sind das.
Und wo es mir geschenkt ist, diesen Augenblick der Ewigkeit mit anderen zu teilen,
da ist sie da – diese Wolke. Da spüre ich, wie Gott meine Seele berührt. Den Hauch seiner Gegenwart.

Ob Konzert, Schützen- oder Volksfest, Gottesdienst oder Kirchenkonzert,
Familienfeier oder daheim am Fernsehgerät oder Radio.
Überall und jederzeit kann uns dieses Geschenk zuteilwerden.

Und in mit und unter solchen Momenten ist immer auch Gott verborgen.
Denn in den Liedern, die wir singen und hören, die wir mitsummen oder – wie eben am Sonntag in den Kirchen – still mitvollziehen – ist immer auch die Melodie der Liebe Gottes zu vernehmen. Die Musik des Lebens, die mit der Schöpfung angehoben hat:

„Es werde Licht!“ – Diese Worte werden nicht nur so dahingesagt worden sein, sondern gesungen, meinte einmal der große Komponist und Dirigent Leonhard Bernstein. Seitdem jenes erste Lied erklungen ist, durchzieht die Musik der Liebe Gottes das All und alles Leben.

Und wir können sie vernehmen – auch ohne gottesdienstliche Versammlung in einer Kirche. Denn die schöne neue Palastkapelle, der Tempel mit all seiner Pracht, mit dem sich Salomo großtun will, das alles verliert sich ganz hinter der Gegenwart Gottes. Die Wolke verdeckt, was Menschen geschaffen haben.

Gott läßt sich nicht in Mauern einsperren, die wir hochmauern. Selbst wenn Könige voller Weisheit und Pracht sie zu errichten befohlen haben.

Auch in Kirchengebäude läßt Gott sich nicht fassen. Und selbst in den kunstvollen Liturgien, die wir uns ausgedacht haben, ist er doch nicht zu festzuhalten. Selbst der Dienst der Gottesdiener wird obsolet, wo Gott selbst ins Spiel kommt. Als die Wolke erscheint, können sie nichts mehr tun.

Das Lied seiner Liebe, Gott singt es, wann und wo er will. Die Musik der Schöpfung, sie erklingt all überall.

Es gilt – und daran sollten wir uns gerade in Zeiten wie diesen erinnern – das provokante Wort, das der damalige Präses der rheinischen Kirche, Peter Beier, zur Wiedereröffnung des Berliner Doms gesagt hat: „Gottes Wort braucht keine Dome.“

Bei aller Liebe zu unseren Gotteshäusern, die wir nun zur Andacht wieder aufsuchen dürfen, dürfen wir sie in all unserer Sehnsucht und unserem Schmerz nicht zu “goldenen Kälbern“ erheben.

Unser Herz soll frei sein. Es soll offen bleiben für die Berührung durch jene Wolke, die uns oft durch die Musik erreicht. Durch ein Lied, das wir hören. Durch ein Lied, das wir singen.
Dafür sind Kirchen und Gottesdienste schön. Und auch mir geht das Herz auf, wenn ich es ab und zu einmal erleben darf, eine Gottesdienstgemeinde laut und freudig singen zu hören. Aber das ist nicht die einzige Möglichkeit. Daran hängt weder unser Glück noch unser Heil.
Von Gottes Wort können wir uns – abseits davon und darüber hinaus – auf vielfältige Weise berühren lassen: Durch Andachten und Musik aus den Medien etwa: Im Radio, im Fernsehen, im Internet. Da haben wir in diesen Tagen wunderbare Formate entdecken dürfen. Aber auch durch das Lesen in Büchern, Zeitschriften und Zeitungen.

Und singen und musizieren?

Das können wir auch daheim. Und auch hier haben kreative Menschen uns in den letzten Wochen viele beglückende Momente eröffnet. Die Musiker und Sänger des Staatstheaters etwa haben getrennt zusammen im Internet musiziert – wie viele andere auch.

Und jede und jeder kann auch für sich singen. Unter der Dusche. Am Herd. Beim Staubsaugen. Oder ganz bewusst. Manche gehen dazu seit einigen Wochen auf den Balkon, ans Fenster oder auf die Terrasse – immer um 19 Uhr.

„Gottes Wort braucht keine Dome.“

Die Erfahrung geschenkt zu bekommen, von jener Wolke berührt zu werden,
ist unabhängig von Zeit und Raum. Gott kommt uns so nahe,
wie und wo und wann er das will. Was wir aber brauchen,
ist die Gemeinschaft.
Denn: „Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer
als der Christus im Worte des Bruders;
jener ist ungewiss, dieser ist gewiss“,
schreibt Bonhoeffer in seinem Buch „Gemeinsames Leben“.

Diese Stärkung, dieses Zurechtweisen vielleicht auch, durch Lob und Unterstützung, durch Entgrenzung und Grenzziehung, durch Nähe und Wärme, durch erfahrene Liebe, die gelebte Gemeinschaft: sie fehlt.

Am Sonntag durften wir nach Wochen wieder zusammenkommen. Längst nicht so, wie wir es uns wünschen. Aber immerhin. Ein erster Schritt ist getan. Wir können wieder ein bisschen ahnen von dem, wozu wir zum Gottesdienst kommen und was wir brauchen.

Und wir können feinfühliger werden. Nicht immer braucht es die dicke Umarmung. Die kann auch beengend sein. Mitunter ist das Zarte, das Leichte, das, was nicht wirklich zu fassen ist, viel intensiver. Die Berührung durch jene Wolke. Sie kann sein wie ein zarter, hingehauchter Kuß. Und diese zarte Berührung, sie ist auch da möglich, wo wir eine zeitlang etwas weiter weg stehen müssen.

Gottes Liebe reicht weiter.
Ihre Berührung lässt uns leben.
Und loben. Und singen.

Ihr Pastor Stephan Bohlen

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