Andacht für den 16. Mai 2020 – Wiebke Perzul (Elisabethfehn)

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Gartenbetrachtungen

So schön wie in diesem Sommer wird mein Garten noch nie gewesen sein! Das hoffe ich jedenfalls, denn so viel Arbeit habe ich auch noch nie dort hinein gesteckt, dafür hatte ich sonst immer zu wenig Zeit.
Allerdings liegt Schönheit ja bekanntermaßen im Auge des Betrachters, und was die eine schön findet, erscheint in den Augen des anderen als schrecklich.
In meinem Garten wächst viel und vieles durcheinander: Stauden und Brennnesseln, Rosen und Kletten, Johannisbeeren und reichlich Giersch, leider auch mitten im Staudenbeet. Ordnungsliebenderen Menschen wäre mein Garten vermutlich ein Graus. Es gäbe auch noch etliches anderes zu bemängeln, aber ich finde ihn ganz schön, so wie er ist.
Und habe ich überhaupt das Recht, allein darüber zu bestimmen? Klar, es ist ‚mein‘ Garten, aber ich teile ihn ja trotzdem mit vielen anderen: Dem Amselpaar mit dem Nest in der Kletterhortensie gefiele es sehr, wenn ich die nie zurückschneiden würde; der Hund fände den Garten viel schöner, wenn ich seine frisch gebuddelten Löcher nicht immer wieder zuschütten würde; und wie die Wünsche des Maulwurfs sich mit meinen vertragen sollen, ist mir ein Rätsel.

Ein Garten – das ist ein kleiner geschützter Raum, er soll dem Leben dienen. So wird es schon in der ersten Gartengeschichte der Bibel erzählt: Zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte … da machte Gott den Menschen … Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gen Osten … und ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume … und den Baum des Lebens mitten im Garten … und nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten, dass er ihn bebaute und bewahrte. (Gen 2, 4-9.15 i.A.)
Gott selbst legt hier einen prächtigen Garten an, der die Menschen mit allem versorgt, was sie zum Leben brauchen. Und der Mensch bekommt den Auftrag, diesen Garten zu bebauen und zu bewahren.

Das mit dem ‚Bewahren‘ ist uns Menschen ja nicht wirklich gut gelungen. ‚Fridays for future‘ hat uns das im letzten Jahr sehr deutlich vor Augen geführt. Nun ist die ganze Diskussion um Nachhaltigkeit und Bewahrung der Schöpfung in den Hintergrund getreten. Und wenn ich die vielen Appelle zur Stärkung der Wirtschaft und des Konsums höre, dann bekomme ich Angst, dass wir die viel größere Bedrohung durch den Klimawandel wieder komplett verdrängen.

Inzwischen haben wir fast die ganze Erde zu unserem Garten gemacht, überall nutzen wir die Gaben, die sie uns bietet; wirkliche Wildnis, also vom Menschen unbeeinflusste Gegend, gibt es kaum noch. Dementsprechend tragen wir Verantwortung dafür, dass die Erde ein guter und geschützter Raum zum Leben bleibt, nicht nur für die Menschen, sondern auch für alle anderen Geschöpfe Gottes. Wir wissen schließlich, wie verbunden alles Leben miteinander ist.
In meinem Garten kann ich diese Verbundenheit sehen und erleben, mich daran freuen; und mich darin üben, meine Interessen mit denen der anderen Gartennutzer auszutarieren. Das ist keine einfache Aufgabe. Aber in einem Zeitungsartikel habe ich neulich gelesen, dass die Fläche aller Gärten in Deutschland so groß ist wie die aller Naturschutzgebiete. Was ich in meinem, was Sie in Ihrem Garten tun, das bewirkt etwas. Wenn wir unsere Gärten verantwortungsvoll bebauen und bewahren, dann entsteht so etwas wie ein Netz von kleinen geschützten Räumen, in denen es sich gut leben lässt – für Pflanze, Tier und Mensch.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Gärtnern und dass Gott seinen Segen dazu gibt!
Ihre Pastorin Wiebke Perzul

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