Ammerländer Impulse

Loslassen …

Da, wo es für uns hart auf hart kommt,
wo es ernst wird
und sich der Horizont
unseres Lebens verdunkelt,
die Wege enger werden,
die Haut unserer Seele dünn
und verletzlich wird,
uns alles so vorkommt,
als seien wir im falschen Film,
wir mitgerissen werden vom Fluss der Dinge,
da scheint mit einem Mal
die Zeit in uns still zu stehen.
Dann fühlt es sich mitunter so an,
als wären wir aus uns selbst herausgetreten.
Als stünden wir neben uns
und den Dingen,
die da geschehen,
die uns aber eben nicht nur passieren,
sondern die uns tatsächlich widerfahren –
und die uns einen solchen Schmerz
zufügen können,
dass wir aus uns selbst geradezu
herausgeworfen werden,
um uns nicht vollends zu verlieren.

Vielleicht ist es Ihnen so ergangen,
als Sie Abschied nehmen mussten
von dem lieben und nahen Menschen,
an den Sie sich heute und hier
besonders erinnern möchten.

Mag sein,
dass schon die Zeit vor dem Abschied,
die Zeit des Loslassens,
die Spanne, in der deutlich wurde,
dass dieser Weg unvermeidlich sein würde,
sie diese Dinge erfahren lassen hat,
dieses „Herausgeworfensein“
aus Raum und Zeit,
aus dem eigenen Selbst.
Dieses „Neben-sich-Stehen“.
Dieses Gefühl, man sei im „falschen Film“,
es würde einem anderen geschehen,
was einem da selbst widerfährt.

Und dann war der Moment
des endgültigen Loslassens da.
Und wir haben funktioniert.
Haben die Dinge geregelt,
die zu regeln waren.
Wie im Traum mitunter.
Wundern uns in der Rückschau,
wie wir das geschafft haben.

Seitdem hat sich unsere Welt verändert.

Sie ist ärmer geworden.
Denn der Mensch, der uns den Weg,
auf dem wir ihm folgen werden,
voraus gegangen ist,
fehlt darin.
Fehlt uns.

Immer wieder sehen wir ihn.
Betreten einen Raum im Haus
und schauen erwartungsfroh auf seinen Platz.
Und erst mit dem zweiten Blick
erkennen wir die Leere,
die zugleich nach unserem Herzen greift.

Dann kommen die dunklen Schatten
des Abschieds zurück.
Wie eine Welle, die uns mit sich reißen will.
Mitunter halten wir Stand.
Mitunter auch nicht.

Je mehr die Zeit ins Land geht,
desto mehr Halt mag uns das Leben geben.
Der Alltag.
Der andere, der neue Alltag,
der auf diese eine Weise
gewiss ärmer geworden ist.
Der auf eine andere Weise
aber auch reicher geworden sein mag:

Schon im Abschied mögen wir erlebt haben,
wie andere Menschen
uns neu nahe gekommen sind.
Wie da Leute waren,
Nachbarn, Bekannte, Familienangehörige,
auch vormals Fremde,
die für uns da waren.
Die sich Zeit genommen haben.
Für uns.
Die uns ausgehalten haben.
Die uns ihr Ohr geliehen haben.
Die uns zugehört haben.
Mit Geduld und Verständnis.
Die uns ihre Schulter angeboten haben,
damit wir uns dort anlehnen
und ausweinen konnten.
Die uns einen Platz
in ihrem Herzen geschenkt haben,
so dass unser Herz
wieder fest werden konnte
auf dem Weg des Abschieds.

Dieser Weg ist lang.
Und er ist kein einfacher Weg.
Da liegen Steine.
Da ist es steil und unwegbar.
Da kann mit einem Mal auch Finsternis
wie ein Unwetter über uns hereinbrechen.

Aber da sind auch grüne Wiesen.
Da sind Orte, die zum Verweilen einladen.
Da sind diese Menschen,
die einem helfen, neu Tritt zu fassen,
Orientierung zu finden,
auch schwierige Passagen zu meistern,
den neuen Weg zu gehen.
Gemeinsam.

So wird dieser neue Weg
mit der Zeit vertrauter.
Leichter.
Besser zu gehen.
Und mit der Zeit mögen wir am Wegesrand
die Blumen der Erinnerung
entdecken können,
ohne dass der Schmerz übermächtig wird.
Dann können wir innehalten.
Uns an ihrer Schönheit erfreuen,
ihren Duft einatmen.
Sie vielleicht sogar pflücken
und einen Strauß der Erinnerung
aus ihnen flechten,
der uns schmückt und reich macht.
Dankbar und erfüllt.

Diese Hoffnung dürfen wir haben.
Sie mag uns tragen.
Den Weg weisen.

Genauso wie ein Wort aus der Bibel,
an dem ich mich immer wieder festhalte,
wo es hart auf hart kommt,
wo ich den Horizont zu verlieren drohe,
weil der Schmerz mich übermannt.
Weil ich nicht verstehen kann, was geschieht.
Warum etwas geschieht.

Wo ich nur noch dastehe
und in die Finsternis hinaus schreie:
Warum?

Und es bleibt stumm.
Denn es gibt keine Antwort.

Das Leben ist, wie es ist.
Und wir müssen damit umgehen.
Das zu erkennen,
das gelehrt zu bekommen
durch das Leben selbst,
tut entsetzlich weh.

Was mir Linderung verschafft,
ist die Hoffnung,
dass ich in dem Dunklen,
das nach mir greift,
dass ich in Trauer und Schmerz
nicht allein bin,
sondern jemanden an meiner Seite habe.
Ich erlebe:
• Menschen, die mir gut sind.
• Dinge, die sich fügen.
• Kraft, die mir zuwächst.

Und ich spüre,
das darin verborgen
ein stiller Begleiter über mich wacht:
Jesus.

Er kennt den Schmerz, das Leid,
das antwortlose Fragen,
die Not, sich in der Finsternis zu verlieren.
Die Angst.
Den Tod.

Und er hat mir und uns allen versprochen:
„Ich bin jeden Tag bei euch,
bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20)

In der Taufe haben wir darauf
Brief und Siegel.
Das ist das Wort,
woran ich mich festhalte.
Was mir Halt gibt.
Kraft und Mut für den nächsten Schritt.
Und immer wieder für den nächsten Schritt.
Immer nur für diesen einen.
Und immer einer nach dem anderen.
Anders geht es nicht.

Ein Trauerweg ist kein Weg
der großen Sprünge,
sondern einer der kleinen Schritte.

„Ich bin jeden Tag bei euch,
bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20)

Dieses Versprechen gibt mir Kraft,
weil ich Jesu Begleitung
in der Zuwendung
der anderen Menschen entdecken kann.
In dem, wie meine Nachbarn und Bekannten,
die Familie und Freunde,
Fremde und andere
für mich da sind.
In Zuspruch und Zurechtweisung.
In Unterstützung und Herausforderung.
Mitunter muss Liebe
auch eine herbe Note haben,
um geschmeckt werden zu können.

Und auch in den Dingen, die sich fügen,
in Wegen, die sich eröffnen,
in Widerständen, die überwunden werden,
in Irrwegen, die ich erkenne,
auf Abwegen, die mich umkehren lassen,
in Umwegen, die mich voranbringen,
kann ich seine Begleitung erkennen.

In aller Liebe, die ich erfahre, ist er da.

Das „Warum“ wird ortlos verhallen.
Aber dass mein Leben
eine neue Bahn gefunden hat,
mag mir den Blick auf ein „Wozu“ eröffnen.

Ich beginne das „Wohin“ zu erahnen.

Und dieses „Wohin“ ist der Ankerpunkt
meines Herzens und Hoffens.
Johannes hat es uns aufgeschrieben.
Auch so ein Haltewort für mich –
wie das Versprechen Jesu,
bei mir zu sein alle Tage.

Das „Wohin“,
das Johannes beschreibt,
ist ein Licht der Hoffnung in der Dunkelheit.
Markiert den Zielpunkt all unserer Wege.
Ist das Gute,
in dem wir aufgehoben sein werden.

Und das wir schon da zu schmecken bekommen,
wo wir Hilfe und Zuwendung erfahren,
Nähe und Wärme,
Orientierung und Kraft.

Das „Wohin“ ist das Ziel,
auf das wir zugehen.
Mit jedem Schritt.
Es ist der Ort, an dem sich alles klärt.
An dem nur noch Licht ist und Leben,
wo wir aufgehoben sein werden
in der Liebe selbst.

Johannes beschreibt unser „Wohin“
mit diesen Worten:
Danach sah ich einen neuen Himmel
und eine neue Erde.
Der frühere Himmel
und die frühere Erde
waren vergangen;
auch das Meer gab es nicht mehr.

Ich sah die heilige Stadt,
das neue Jerusalem,
von Gott aus dem Himmel herabkommen,
schön wie eine Braut,
die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat.

Und vom Thron her
hörte ich eine mächtige Stimme rufen:
»Seht, die Wohnung Gottes
ist jetzt bei den Menschen!
Gott wird in ihrer Mitte wohnen;
sie werden sein Volk sein –
ein Volk aus vielen Völkern,
und er selbst, ihr Gott,
wird immer bei ihnen sein.

Er wird alle ihre Tränen abwischen.
Es wird keinen Tod mehr geben,
kein Leid und keine Schmerzen,
und es werden keine Angstschreie
mehr zu hören sein.
Denn was früher war, ist vergangen.«

Daraufhin sagte der,
der auf dem Thron saß:
»Seht, ich mache alles neu.«
Und er befahl mir:
»Schreibe die Worte auf,
die du eben gehört hast!
Denn sie sind wahr und zuverlässig.«

Dann sagte er zu mir:
»Nun ist alles erfüllt.
Ich bin das A und das O,
der Ursprung und das Ziel aller Dinge.
Wer Durst hat,
dem werde ich umsonst
von dem Wasser zu trinken geben,
das aus der Quelle des Lebens fließt.

Das alles wird das Erbe dessen sein,
der siegreich aus dem Kampf hervorgeht,
und ich werde sein Gott sein,
und er wird mein Kind sein. (Offb 21,1-7 NGÜ)

Als seine Kinder
sind wir auf dem Weg dorthin.
Von ihm kommen wir.
Mit ihm gehen wir.
Auf ihn hin sind wir unterwegs.

Stephan Bohlen
Edewecht

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